Was machen wir heute? : In einem Wälzer blättern

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In der Postfiliale liegt’s und in manchen Lebensmittelmärkten. Das Ding ist groß und stattlich, vor allem dick. Wer es nach Hause schleppt, trägt fünf Pfund unterm Arm. Mit einer Auflage von 1 050 000 Exemplaren setzt sich das 2196-Seiten-Werk spielend an die Spitze der Bestsellerliste. Wer erinnert sich nicht des Kalauers, dass dieses in (fast) allen Ländern bekannte Buch sehr viele Namen, aber wenig Handlung enthält.

Ja, bingo!, wir blättern im aktuellen Telefonbuch. Und staunen, was der TVG-Verlag alles untergebracht hat: Straßenverzeichnisse, Postleitzahlen, Adressen aus Handel und Gewerbe, Anzeigen für dies und das, und natürlich die Namen, Adressen und Telefonnummern der Anschlüsse von über 900 000 Telefon- und Handy-Besitzern. „Alles in einem“ ist das Motto des Wälzers, dessen Herstellung vom Satz in der kleinen Schriftart Nonpareille über den Druck auf dünnem Papier bis zur Kleb- und Bindetechnik durch die Annoncen finanziert wird. Das Telefonbuch kostet nichts, jeder kann es sich von den Paletten nehmen, kombiniert mit der schlankeren Schwester, den „Gelben Seiten“. Des sparsamen Rentners Sorge, dass hier wertvolles Papier am Ende im Schredder landet, teilt der Verlag nicht: Die Bücher gehen alle weg, trotz Telefonauskunft und Internet, das nicht alle Leute zu Hause haben.

Solch Telefonverzeichnis pflegt irgendwie auch eine Tradition: Vor 130 Jahren erschien das erste in Berlin – mit 120 Einträgen. Heute tummeln sich allein die Berliner Müllers auf 44 Spalten, und wer seinen Namen in der Buchstabenwüste zwischen Aagaard, Heidemarie, und Zyzik, Konrad, sucht, der findet ihn auch – es sei denn, er wollte gar nicht in dieses Buch, um Adresse und Telefonnummer als persönliche Daten zu schützen. Eine gewisse Angela Merkel wird man vergebens suchen. Es gibt 122 Merkels, aber keine Angela. Die wollte da nicht rein, bei aller Liebe zu „unseren Menschen“. Lothar Heinke

Das Telefonbuch gibt’s zurzeit in Postfilialen und bei Kaiser’s, danach bei tvg-verlag.de.

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