Was machen wir heute? : In Moabit sitzen

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Zumeist fährt man auf der Invalidenstraße an der Ziegelmauer vorbei und guckt in die andere Richtung zum pompösen Hauptbahnhof. Aber wer zu Fuß durch diese Verkehrsschneise ohne die kleinste Spur einer vernünftigen Bahnhofsvorplatzgestaltung läuft, entdeckt an der Mauer einen unscheinbaren Eingang, und dann steht er auch schon in diesem weitläufigen „Geschichtspark“ mit dem grünen Rasen, den Bauminseln, mit Bänken und steinernen Zeugen dessen, was hier einmal war: Grausames ist geschehen, wir lesen die Großbuchstaben an der gegenüberliegenden Wand: „Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern …“

Das hat Albrecht Haushofer geschrieben, erster Satz vom dritten Vers jener Moabiter Sonette, die man bei ihm fand, nachdem er, in der Nacht zum 24. April 1945 nur zum Schein aus der Haft entlassen, mit 15 anderen „Politischen“ von den Nazi-Schergen hinterrücks erschossen wurde. Ein anderer Dichter, Wolfgang Borchert, saß hier im Zellengefängnis Moabit neun Monate in Einzelhaft, er hatte die Wehrkraft zersetzt und Herrn Goebbels beleidigt. In der Geschichte „Unser kleiner Mozart“ erinnert er an die immer gleiche Lautsprecherdurchsage vom nahen Lehrter Bahnhof, 800 Mal in 20 Stunden „Lehrter Straße, Lehrter Straße“. Und Ernst Busch, der Sänger und Schauspieler, den sie Barrikaden-Tauber nannten und der später am BE Triumphe feierte, lag nach einem Bombenangriff schon unter den Toten. Alles hier. Alles Geschichte.

Und noch viel mehr: Der Hauptmann von Köpenick saß ein, Moabit war ein Begriff als erstes Mustergefängnis in Preußen, hier wurde die Isolationshaft „zum Zwecke der Besserung“ erfunden. Sternförmig zweigten die Bauten mit den 520 Einzelzellen vom Zentralbau ab, nach dem Krieg wurden bis Mai 1949 zwölf Todesurteile in West-Berlin vollstreckt, seit 1959 sind die Gebäude weg – 2007 erhielt der Geschichtspark den Deutschen Landschaftsarchitekturpreis. Ich lege mich ins Gras, blicke auf die fünf Meter hohen Mauern und denk mir mein Teil. Lothar Heinke

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