Kultur : Was machen wir heute?: In München ein Feuer anzünden

Harald Martenstein

Feuer: das männliche Element, nicht wahr. Ihr Frauen könnt ruhig die ganzen übrigen Elemente kriegen. Wasser, Erde, Luft, da legen wir keinerlei Wert drauf, vor allem nicht auf die Erde, weil bei den 50-Liter-Säcken sowieso immer im Treppenhaus die Plastikfolie platzt. Dann muss unsereins aufkehren und feucht nachwischen. Frauen - nehmt Euch die Erde. Nehmt sie ruhig ganz.

Söhne lieben Feuer. Väter lieben Feuer. Frauen aber möchten das Feuer einfrieden, im Herd domestizieren, zum Sklaven der Suppenküche herabwürdigen. Die Frau empfiehlt, unsere Obsession auf öffentlichen Grillplätzen auszuleben. Das Feuer aber, das auf öffentlichen Grillplätzen brennt, ist ein erbarmungswürdiger Anblick, wie der Panther im Zoo oder Napoleon auf St. Helena. Feuer will frei sein.

Es gibt aber leider eine Vielzahl von staatlichen Vorschriften, die das Feuermachen in von Menschen bewohnten Gegenden verbieten, und nur solche kommen für uns als Feuerstelle in Frage, denn in von Menschen unbewohnte Gegenden kommen wir so gut wie nie. So ist das gemeinsame Lagerfeuer von Vätern und Söhnen in die Gesetzlosigkeit gedrängt worden. Doch längst hat sich in Berlin eine illegale, facettenreiche Feuermacherszene entwickelt, deren Mitglieder ihre Vorlieben an geheimen Zeichen erkennen. Ein rußgeschwärzter Daumen bedeutet: Ich bin ein Feuerstocherer. Ich liebe es, mit Holzstäben tief in das rotglühende, fast schon zerfließende Brenngut hineinzustoßen und es um und um zu wühlen. Die gesplitterten Fingernägel verraten den Grubenfeuerer, der seiner Leidenschaft auf stürmischen Höhen oder windgepeitschten Salzwiesen frönt. Dort gräbt er mit bloßen Händen eine Erdgrube, in der er sein Feuer entzündet. An den versengten Augenbrauen erkennt sich die kleine, verschworene Gruppe der Feuerschnupperer, die Brandgeruch über alles liebt.

In Berlin werden die Kontrollen der Feuerpolizei unablässig verschärft. Was heute noch in der Szene als sicherer Ort von Mund zu Mund ging, kann schon morgen verraten und verdorben sein. Zu den wenigen Vorzügen der Stadt München aber gehört ihre Feuerfreundlichkeit. An der Isar haben wir in so mancher stürmischen Nacht im Steinstrand eine Kuhle gegraben, denn wir sympathisieren mit den Grubenfeuerern und ihrer philosophischen Idee, Feuer, Erde und Wind wieder miteinander zu vermählen wie zu Anbeginn aller Zeiten.

An solchen Abenden brannten wohl vier, fünf Feuer an der Isar - mitten in einer Großstadt, nicht an einem kläglichen "Grillplatz". Die Männer und ihre Söhne statteten einander an den Feuerstellen Achtungsbesuche ab, man bot sich Biere, Holzscheite und Ratschläge an, aber es herrschte weder Neid noch Besserwisserei, sondern der kameradschaftliche Ton des Lagerfeuers. Ja, München ist die deutsche Hauptstadt der illegalen Feuermacher. Wenigstens diesen Rang wird ihm Berlin so bald nicht streitig machen können. Erst weit nach Mitternacht kam die Polizei und drohte damit, uns festzunehmen.

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