Was machen wir heute? : Indoor-Saufen

Anselm Neft

Neidisch sind die Münchner und Hamburger Freunde, wenn sie von den Mietpreisen in Berlin erfahren. Sie wissen nicht, dass auch hier die goldenen Tage gezählt sind. Ich bin auf der Flucht vor Vermietern, die Einkommensnachweise und andere Demütigungen fordern, fast bis nach Lichtenberg geraten. Nun wohne ich zwischen „Grillo“ und „Humanus“ am äußersten Ende der Boxhagener. Um mich dem Straßenbild anzupassen, gehe ich nie ohne Bierflasche in der Hand aus dem Haus, höchstens um im nächsten Kiosk eine zu kaufen. Ich habe schnell die wichtigsten Grundregeln des Brauches verstanden: Bier – nicht Wein, Schnaps oder Buttermilch. Sternenburger – nicht Tannenzäpfle oder Küppers Kölsch. Nur eine Flasche – nicht zwei oder drei. Die Flasche halbvoll oder halbleer, je nach Stimmung. Alles andere ist unwichtig: Morgens, mittags oder abends. Mann, Frau oder Kind.

Die jugendlichen Touristen aus der nahe gelegnen Herberge erkennt man sofort. Sie machen alles falsch. Sie kreuzen deinen Weg mit einem abgedeckten Eimer Sangria oder verzichten gänzlich auf das Mitführen kultischer Gerätschaften. Um einen Kult aber handelt es sich, wie jeder feststellen kann, der die Boxhagener Straße bis zum religiösen Zentrum der Bierverehrung hinauf pilgert: dem Boxhagener Platz. Ganztägig finden hier Lobpreisungen und Anrufungen der Götter des Hopfenrausches statt. Die meisten folgen dem Kult derart geflissentlich, dass kaum Zeit für einen Brotberuf bleibt.

Ich gebe zu: Ich gehöre nicht zu den Frommsten. Manchmal fülle ich Tee in die Bierflasche. Manchmal schiele ich auch auf die Angebote von Kneipen, die ich mit einer Flasche in der Hand nicht betreten mag: „Wo schmeckt das Bier? Hier!“ heißt es beim Igel, das Amnesia prahlt: „Alle Cocktails immer happy hour“. Immer happy hour. Für manche eine paradiesische Vorstellung. In Friedrichshain ist sie Wirklichkeit. Anselm Neft

Günstiges Indoor-Saufen mit trinkfesten Ketzern: Jessner-Eck, Jessnerstraße/Ecke Scharnweber in Friedrichshain.

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