Was machen wir heute? : Ins Kino laufen

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Susanne KippenbergerD

Als ich klein war, hatte ich nachts oft einen Albtraum: dass ich im Schlafanzug in die Schule gehen würde. Das war das Pech der frühen Geburt. Inzwischen, gut 30 Jahre später, könnte ich das nämlich am hellichten Tag tun und wäre damit modische Avantgarde. Zumindest in den USA. Dort war ich gerade in den Ferien und stellte fest: Die junge Amerikanerin von heute trägt Pyjamahose statt Jeans.

Reisen bildet, deswegen muss man immer mal wieder weg. Schon um zu sehen, was man an der Heimat hat. In Los Angeles habe ich zwei Stunden von einem Stadtteil zum anderen gebraucht. Zwei anstrengende Stunden am Steuer. Die weit gereisten Los Angelinos aber versuchten mir zu erklären, wie viel Ähnlichkeit Berlin doch mit ihrer Heimatstadt habe: „It’s so spread out!“ Zugegeben, Pankow und Zehlendorf liegen auch nicht gerade nebenan. Nur kann man da ganz entspannt mit Bus und Bahn reisen, ein gutes Buch lesen und schon ist man da. Ein New Yorker, der vor einem Jahr an die Westküste gezogen ist, erzählte mir ganz aufgeregt, dass er sich neulich mal einen ganzen Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt habe! Erst mit dem Bus zur U-Bahn, die so leer wie klinisch sauber war (sie fährt ungefähr drei Stationen weit), und dann mit der Bahn nach San Diego! Ein Abenteuer.

Am Wochenende habe ich den Berliner Luxus genossen, bin zu Fuß ins Kino gelaufen (und mit dem Bus zurückgefahren) und habe mir West-Berlin von früher angeguckt: „Die Tränen meiner Mutter“. Der Film spielt in den 80er Jahren in einer Fabriketage, die noch wirklich eine Fabriketage war und kein Loft, in einer bunt zusammengewürfelten Wohngemeinschaft. Von West-Berlin sieht man wenig, man spürt es nur, das Traurige, das Unorthodoxe ebenso wie das Spießige, auch das Klaustrophobische. Der Film läuft in einem „süßen kleinen Kinosaal“, wie der Kartenverkäufer sagte, der so klein gar nicht ist, sondern so wie früher, mit tiefen roten Sesseln und golden glitzerndem Vorhang. So was findet man in Hollywood auch nicht so schnell. Susanne Kippenberger

Die Kurbel, Giesebrechtstraße 4.

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