Was machen wir heute? : Ins Schwimmbad gehen

Susanne Kippenberger

Als ich klein war, bedeutete Sport Tortur für mich. Fitnesscenter gab’s in meiner Ruhrgebietskindheit noch nicht, dafür Fußballplatz, Turnverein und Schwimmbad. Auf dem Fußballplatz habe ich einen Ball so heftig an den Kopf gedonnert bekommen, dass dieser noch Tage danach brummte. Damit war die Begeisterung zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Im Turnverein sollte ich meine krumme Wirbelsäule beim Sonderturnen gerade biegen; das klang nicht nur wie Sonderschule, es war auch so. Ins Schwimmbad bin ich am liebsten gegangen, nicht wegen des Schwimmens – mit Müh und Not und der Hilfe meiner Schwester habe ich den Freischwimmer geschafft –, sondern wegen der Pommes, die es dort hinterher gab. Heute würde ich ja gerne baden gehen – allein: wohin? Die Bäder in Berlin werden immer weniger, der Volkssport wird zum Elitevergnügen derer, die sich ein Fitnesscenter mit Schwimmbad leisten können.

Dabei hat Berlin so wunderschöne zu bieten. Gabriele Berger hat gleich zwei stillgelegte gekauft, eins in Marienfelde, da wird jetzt im Wasser geturnt, das andere in Steglitz, da wird als Zwischennutzung Theater gespielt. Als ich neulich dort war, stand die Hausherrin persönlich an der Kasse und bat jeden Gast, im alten Maschinenraum, der nun Pausenbar ist, „zu verweilen“ (das letzte Mal, das ich dieses Wort gehört habe, war vermutlich in meiner Kindheit), bis wir zum Theater geleitet würden, über verwinkelte Wege zur alten Nähstube, die nun Bühne und Zuschauerraum ist. „Das wundervolle Zwischending“, das Stück hat den Namen verdient. Ein Künstlerpaar inszeniert seine eigene Liebesgeschichte in der Sozialwohnung, gestört nur von einem Beamten vom Sozialamt. Das ist realistisch, absurd, intensiv und voller Überraschungen, die Schauspieler sind großartig und Regisseur Stefan Neugebauer führt hinterher durch das 100 Jahre alte Bad. Schwimmen kann auch nicht schöner sein. Nur gesünder. Susanne Kippenberger

Stadtbad Steglitz, Bergstr. 90, „Das wundervolle Zwischending“ wieder ab 21.2., www.clubtheater-berlin.de, www.stadtbad-steglitz.de.

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