Kultur : Was machen wir heute?: Inspiration suchen

Den größten Spaß kurz vor Mitternacht hat man in Berlin im Moment auf dem Kanal des Fernsehsenders TVB. Seit einigen Wochen werden dort frühe Folgen der Musikvideo-Sendung "Formel Eins" gezeigt und es ist unglaublich, was man da alles zu sehen bekommt: "Sunshine Reggae" von Laidback, "I.O.U." von Freeze, oder "Hey You" von The Rocksteady Crew - viele vergessene, großartige Pop-Songs tauchen dann auf dem Bildschirm auf, und mit ihnen die Erinnerungen an das aufregende Gefühl, das man damals bekam, als man als Teenager die "Formel Eins" schaute. In den frühen achtziger Jahren war die "Formel Eins" die einzige Sendung im deutschen Fernsehen, in der regelmäßig Musikvideos gezeigt wurden. MTV gab es nur in Amerika, das deutsche Kabelfernsehen war noch nicht geboren, und so fieberte man als pubertierender Pop-Fan die ganze Woche dem Samstagnachmittag entgegen, an dem man in der fünfundvierzigminütigen "Formel Eins" endlich wieder die viel zu kurzen Filmchen zu seinen damaligen Lieblingssongs sah. Wenn man in der Provinz wohnte, und samstagabends nicht in Discos oder auf Partys gehen konnte, dann war die "Formel Eins" tröstendes Ersatzprogramm und Sehnsuchtmaschine, die den Duft des aufregenden Großstadt-Lebens, die ersten elektronischen Pop-Songs, Dance-Musik und Old School-HipHop in Teenager-Zimmer wehte. Man war so hungrig auf die Musikvideos, dass man sogar geduldig die haarsträubenden, eigenproduzierten Clips ertrug, die in den "Formel Eins"-Studios aufgenommen wurden. Damals gab es zu vielen Songs einfach kein Video, und so machte man sie in der Sendung eben selbst. Dafür ließ man entweder die Künstler selbst aufreten, oder ersatzweise Jazztanz- und Ballett-Gruppen durch die Schrottplatz-Kulissen schwirren. Heute ist das der herrlichste Trash. Genauso wie die Moderationen von Peter Illmann. Entweder war man dem Musikvideo-Fieber so verfallen, dass einem diese Moderationen nichts ausmachten, oder man war es einfach gewohnt, dass durch eine Pop-Sendung nur mit gestelztem Jugend-Deutsch und Platitüden geleitet werden konnte. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich damals davon gehalten habe, heute rollen sich mir dabei die Fußnägel. Trotzdem, oder genau wegen der "Formel Eins"-Studio-Clips und den Moderationen macht es aber solchen Spaß, die Sendung aus der Steinzeit des Musikvideos zu schauen. Und neben dem allgemeinen Unterhaltungswert sind die alten Musikvideos ja schließlich auch ein großartiger Ideensteinbruch, wenn man sich für Mode interessiert. Es gibt wohl kaum eine Sendung, in der die verschiedenen Jugend-Kleidungsstile der frühen Achtziger Jahre so facettenreich zu sehen sind. Wenn Sie sich also heute Abend für eine Party chic aufbrezeln wollen, und eine zeitgemäße Inspiration suchen, schalten Sie rein bei TVB: Daniel Haaksman "Formel Eins", täglich auf TVB, 23.15h

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