Kultur : Was machen wir heute?: Intershoppen

Britta Wauer

Das Schöne am Journalistenleben ist ja, dass man Einblick in Dinge erhält, die einem sonst verwehrt sind. Meist ist es aufregend, hinter Kulissen zu schauen und man glaubt gern, dies sei ein Privileg. Manchmal ist man sich dessen aber nicht mehr sicher.

Die Kantine der Gauck-Behörde zum Beispiel bekommen gewöhnlich nur deren Mitarbeiter und Stasi-Opfer zu sehen, die ordnungsgemäß registriert an der Stechuhr vorübergehen und einen Kaffee trinken wollen. Gemeinhin heißt es, dass die Akten der Behörde Brisantes aus der Vergangenheit zu bieten haben. Das kleine Bistro im Erdgeschoss des Hauses unweit vom Alex ist aber auch nicht ohne. Es sieht noch so aus wie eine Essensausgabe zu Ostzeiten - mit kleinen Plastiknäpfen voll Rohkostsalat, zusammengesuchtem Mitropa-Geschirr und Wachstuchdecken auf den Tischen. Gerade, wenn man sich einreden möchte, dass es diese Kombination sicher auch in westdeutschen Dorfgaststätten geben mag, kommt einem die Geschirrrückgabe in den Blick: Ein Fließband vorm Fenster bis direkt in die Küche, aber zum Selber-Vorsortieren. Links die Plastikschüssel mit Seifenwasser, in die man das benutzte Besteck plumpsen lässt, davor die Eimer für Essensreste und Papierabfälle und dann das Fließband, auf dem die abgekratzten Teller Richtung Küche zuckeln.

So viel zum Gruß aus der Vergangenheit, hab ich gedacht. Bis wenig später eine Freundin mit mir in einen Laden ging, in dessen Schaufenster sie einen Kristallleuchter aus Plastik gesehen hatte (deshalb war er auch erschwinglich). Der Laden sah von draußen noch ganz harmlos aus, aber drinnen offenbarte er ein Weltprogramm plastischer Scheußlichkeiten. Was natürlich gemein klingt, aber weiter nichts zu sagen hat, weil es offenbar nur meine Meinung ist. Sicher lag es am noch frischen Erlebnis in der Behörden-Kantine. Man hätte sich seine eigene zusammenkaufen können mit den Accessoires des Ladens, wenn auch ohne Fließband. Genau genommen ist es ein Fundgrube von Dingen, die wir überwunden glaubten: bunt geblümte Emailleteller und passende Frottiertücher aus China, Kaffeemühlen aus der Ukraine, Salatbesteck und Spülbürsten aus Bulgarien. Auch wenn es so aussieht, als hätte der Ladenbesitzer die alten Handelspartner der DDR aktiviert, ist es ein Geschäft mit dem Zeitgeist.

Für die einen mögen die Wandhaken mit den großen Plastikblumen nostalgische Erinnerungen sein. Für die anderen sind sie einfach ein Erlebnis. Wenn man die leuchtenden Gesichter der Kunden betrachtet, die mexikanische Kinderschürzen streicheln und ukrainische Gasanzünder in den Händen wiegen, dann hat man ganz kurz das Gefühl, dass dies ein Laden mit einer Magie ist, die früher nur die Intershops für einen Ostler hatten. Knallbunte Grüße aus einer fremden Welt, nur diesmal aus der umgekehrten Richtung.

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