Was machen wir heute? : Japanisch einkaufen

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann - beim Shoppen.

Till Hein

Also dieses Hemd“, sagte Y. bei der Begrüßung und sah mich an, als habe sie einen verfaulten Fisch verschluckt. „Das geht ja gar nicht: total 80er Jahre!“ Ich lächelte nachsichtig. „80er Jahre“, dachte ich, „phh!“ Es kennen sich halt nicht alle mit Mode aus.

In Wahrheit handelt es sich bei diesem Hemd mit dem indischen Blumenmuster um ein kostbares Familienerbstück. „Stammt aus den 70er Jahren!“, sagte ich triumphierend. „Hat mein Vater früher immer getragen.“ Jetzt hat er es mir vererbt, weil er zu dick dafür geworden ist. „Altkleidersammlung“, sagte Y. „Schon mal davon gehört?“ Zum Glück kam am Tag darauf mein Kumpel Stefan aus Köln zu Besuch. „Wow, das ist ja ein cooles Hemd!“, sagte er und bewunderte mich von allen Seiten. Er würde sich das Hemd total gerne ausleihen, sagte Stefan. Für den nächsten Karneval. „Mode-Banause“, dachte ich: „typisch Lehrer.“

Immerhin haben mich diese Gespräche motiviert, mal wieder ausgiebig in meinem Kleiderschrank zu stöbern: Jacken und Hemden aus den 80er Jahren habe ich jede Menge, fiel mir auf! Aus meiner Jugendzeit in Basel. Die meisten von H & M, schön billig. Manche Leute behaupten, solche Kleider gehen schon nach wenigen Wochen aus dem Leim. Ich hingegen sage: Mit ein bisschen Willen halten sie Jahrzehnte. „Immer diese Nostalgie!“, sagte Y. und guckte wieder, als habe sie einen faulen Fisch verschluckt. Ob ich denn auch meinen alten Strampelanzug wieder anziehen wolle?

„Erst neulich habe ich mir ein neues Hemd gekauft“, sagte ich kämpferisch. „Vor zwölf Monaten“, sagte Y. „ in Afrika.“ „Nur weil Dinge neu sind, müssen sie noch lange nicht besser sein“, argumentierte ich. „Gerade als Historiker muss ...“ - Aber Y. wollte jetzt nichts mehr hören. Ich willigte ein, morgen mit ihr Kleider kaufen zu gehen. Am Hackeschen Markt soll es „ein total interessantes japanisches Geschäft“ geben: „Muji“. Klingt so ähnlich, wie Stoiber seine Frau nennt. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen. Till Hein

Muji Store, Hackescher Markt 1

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