Was machen wir heute? : Jarmusch-Filme sehen

Jochen Schmidt

Nach der Wende war man vom Überangebot im Kinoteil der „Zitty“ noch wie erschlagen und musste im Stadtplan mühsam die Adressen der vielen Kinos suchen. Ich begann, ein Archiv der Filmzusammenfassungen anzulegen, nach ein paar Jahren hatte ich ein Filmlexikon zusammen. In irgendeinem der kleinen West-Berliner Kinos, die es mittlerweile alle nicht mehr gibt, liefen immer Jim-Jarmusch-Filme.

Auch wenn Jim Jarmusch heute meist in Farbe dreht und dank „Broken Flowers“ etwas bekannter ist, unser Lieblingsfilm bleibt „Stranger Than Paradise“, eines der spontanen Liebeserlebnisse, wie sie im Alter seltener werden. „Uns“, das heißt, alle, die ich kannte, wir hatten damals eigentlich alle den gleichen Geschmack. Man identifizierte sich mit dem maulfaulen Helden, der in seiner winzigen New Yorker Wohnung sein TV-Dinner isst. Seine ungarische Cousine, die ihm aus Europa geschickt worden ist, hört den ganzen Film durch auf ihrem Kassettenrekorder dasselbe Lied von Screamin’ Jay Hawkins. So, wie die Helden nach einer langen Autofahrt im verschneiten Cleveland standen, auf den See starrten und nicht wussten, was sie dort sollten, so standen wir in den folgenden Jahren in mancher Stadt, deren exotischer Name uns angelockt hatte. Das Schönste am Film ist die ungarische Tante des Helden, der seine Wurzeln und die Sprache verleugnet, und die diesen Zocker dauernd im Kartenspiel besiegt: „I am da winnarr!“

Im Abstand von vier, fünf Jahren hat es seitdem neue Jim-Jarmusch-Filme gegeben, eine viel zu lange Wartezeit, aber wenn jemand ausschließlich Meisterwerke drehte, musste man eben Geduld haben. Dafür kann man diese Filme dann immer wieder angucken. Und man muss zu diesem Zweck als Prenzlauer-Berger nicht mehr obskure Off-Kinos in Steglitz suchen. Obwohl das eigentlich auch immer ganz nett war. Jochen Schmidt

„Stranger Than Paradise“ (OmU), am heutigen Mittwoch um 22.15 Uhr im Lichtblick-Kino, Kastanienallee 77, Prenzlauer Berg

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