Was machen wir heute? : Jesus vermissen

Ingo Wolff

Es ist Weihnachten in Wolkenstein. Und wie feiert man das Fest in Wolkenstein? Ohne Schnee, mit aufgeregten Kindern, mit vorweihnachtlichem Stress, mit hektischen Einkäufen im Wolkenstein-Center, um für die Lieben das Richtige für den Gabentisch zu finden. Eine CD für die Oma, eine Spieluhr für die Tante. Und zwischendurch lauschen wir Weihnachtsliedern, die nicht mehr viel mit Weihnachten zu tun haben. Der Stern über Bethlehem ist vor lauter Lichterketten nicht mehr zu erkennen.

Wolkenstein, könnte man meinen, liegt mitten im säkularen Berlin. Tut es auch. Wolkenstein liegt in Pankow, denn so heißt die Schule von Leonie. Wolkenstein ist ein Fantasiename, der an das Kindermusical vom Zauberbaum erinnern soll. Eine Fantasiewelt, in der die Kinder ernst genommen werden mit ihren Problemen und Sorgen und trotzdem den Schutz ihrer eigenen Welt genießen dürfen. Und vielleicht ist dieses vorweihnachtliche Krippenspiel, das im Wolkenstein-Center spielt, nur ein Abbild von dem, was sich Kinder in Berlin unter Weihnachten vorstellen. Oder es ist das geworden, was wir den Kindern seit Jahren vorleben.

Denn in Berlin ist es nicht schwer, Weihnachten zu entfliehen. Na, jedenfalls dem wirklichen Weihnachten, der christlichen Feier der Geburt Jesu. Nicht, dass ich ein strenggläubiger Christ wäre und nicht, dass die Vorstellung nicht liebevoll gestaltet gewesen wäre, aber irgendwie hat mich das absolute Fehlen von Jesus und den eigentlichen Ursprüngen des Weihnachtsfestes in der Schule dann doch etwas schockiert.

Nach der Aufführung habe ich Leonie gefragt, was Weihnachten bedeutet. Die Sechsjährige zuckt mit den Schultern. Ich lege noch einmal nach: „Wer ist denn an Weihnachten geboren?“ Stille. Dann Leonie: „Der Weihnachtsmann.“ Stille. Immerhin zwinkert sie Sekunden später mit den Augen und sagt leise: „Na, Jesus.“ Ich nehme sie in den Arm. Frohe Weihnachten. Ingo Wolff

Weihnachtsmärkte à la Wolkenstein gibt es in Berlin viele, den stimmungsvollsten gibt es vermutlich am Gendarmenmarkt.

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