Kultur : Was machen wir heute?: Kaffe trinken und ein gutes Buch lesen

Markus Huber

Dem Wiener sagt man einen Hang zum Morbiden nach, und das hat trotz Lothar Matthäus und Wolfgang Schüssel nur am Rande mit Fußball oder Politik zu tun. Der Wiener an sich mag Friedhöfe, pilgert mindestens einmal im Jahr hinaus nach Simmering, um den Zentralfriedhof die immer wieder letzte Ehre zu erweisen, und er freut sich über "a schene Leich", zu hochdeutsch "ein schönes Begräbnis".

Man muss nicht Wolfgang Ambros lieben und seinen 80er-Song "Es lebe der Zentralfriedhof" hören, um das zu lernen, es reicht ein guter Krimi. Die Bücher des genialen Wolf Haas zum Beispiel würden sich eignen. Wer nicht lesen mag, kann auch ins Kino gehen. In den Hackeschen Höfen läuft schon seit Wochen "Komm süßer Tod", die Verfilmung des gleichnamigen Haas-Krimis. Großes Kino, großer Stoff, große Schauspieler, aber für Deutsche schwer verständlich, weil auf österreichisch.

Leider habe ich hier zu Lande noch keinen Friedhof mit vorzüglicher Speisewirtschaft samt guter Aussichtsterrasse gefunden. Wirklich schade, sehr sehr schade. Hat der Berliner Angst vor dem Tod? Versucht er das natürlichste der Welt zu leugnen? Nein, er versucht es schön zu reden, als Jux zu verkleiden, dem Traurigen mit makaberen Scherzen den Schrecken zu nehmen. Zu dieser Erkenntnis kam ich, als ich vor ein paar Wochen einer guten Freundin assistieren musste, die mit dem Mann an ihrer Seite einen sehr endgültigen Schritt plant.

Nein, wir waren nicht im Waffenladen, sondern im Brautmoden-Geschäft in der Chausseestraße zu Mitte. Wirklich, ein sehr ordentlicher Laden mit weißen (für junge) und cremefarbene (für ältere) Ensembles. Die Roben sind auch so teuer, dass es einem mit dem Schritt vor den Priester ziemlich ernst sein muss. Deswegen endgültig.

Auf dem Weg dorthin also schoss mir die Erkenntnis in Sachen Berliner Morbidität ein, und zwar exakt auf Höhe Chausseestraße Nummer 9. In diesem grauenhaften Neubau befindet sich ein Bestattungsunternehmen, "Tag und Nacht geöffnet". Ja, der Sensenmann kennt eben auch in Berlin keine gewerkschaftlichen Ruhepausen. Direkt neben dem Pompfüneberer (wienerisch für Leichenbestatter, Anm.) hat sich ein schreiend bunter Coffeeshop eingemietet. Der Name des Ladens: Waycup. Als ich den Namen laut vorlas hüpfte mein Wienerherz. Wem will der Ladenbesitzer eine Tasse mit auf den Weg geben? Seiner Kundschaft, oder doch eher, hehe, den Kunden des Nachbarlokals? Oder will er lieber, Achtung Doppelsinn, jemanden aufwecken? Seine Kundschaft? Die Nachbarn? Oder den Sensenmann, wenn er während der Tagschicht vor Übermüdung einzuschlafen droht? Unfassbar, vor allem weil der deutsche Kaffee in Wien doch dafür bekannt ist, dass er ausnahmslos niemanden aufweckt, geschweige denn Tote.

Bester Laune ging ich weiter und assistierte in Sachen Brautmoden. Die Dame wird, weil nicht mehr die Jüngste, Creme tragen. Ach ja, vielleicht sollte ich Lothar Matthäus eine Waycup-Tasse nach Wien schicken.

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