Was machen wir heute? : Kenntnisse erwerben

Anselm Neft

Montagabend. Ich kaufe im Spätshop eine Zeitung. Geistesabwesend nimmt der Verkäufer mein Geld entgegen. Er stiert auf einen Fernsehapparat an der Wand, aus dem ein monotones Dauertröten schallt. „Japan kann ganz weit kommen“, sagt der junge Mann ohne mich anzusehen. „Sicher“, sage ich, ohne zu wissen, ob mir diese Information noch einmal nützlich sein wird. „In Standardsituationen sind die top.“ Ich nicke.

„Paraguay knipsen die aus.“ Ich nicke noch einmal und verlasse den Shop. Nebenan bietet das Bistro Ephesos rechtsdrehendes Schichtfleisch und Bier. Dort will ich es mir mit meiner Zeitung gemütlich machen, aber ein gewaltiger Flachbildfernseher an der Wand trötet wie eine Horde afrikanischer Jungelefanten auf Sauftour. Jetzt fällt es mir ein: Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Die Fifa hat wieder einen Dummen gefunden. Im Fernseher sehe ich Menschen in weißen Trikots und Menschen in gelben Trikots auf grünem Rasen. Die einen heißen „Chile“, die anderen heißen „Brasilien“, und unter Brasilien steht eine 3 und unter Chile eine 0, wobei eine 3 augenscheinlich besser ist als eine 0. Die Menschen, die die 3 haben, dürfen sich nachher freuen, die anderen müssen traurig sein oder wütend, je nach Naturell.

Unschlüssig stehe ich da, bis mich einer von zwei Schichtfleischschneidern anspricht: „Die Brasilianer spielen wie früher die Deutschen und die Deutschen wie früher die Brasilianer.“

Das ist schon fast Poesie. Kurz darauf: „Die Türkei hat Brasilien fast einmal geschlagen, weißt du?“ Und noch bevor ich den Kopf schütteln kann: „2002 im Halbfinale. Na egal. Wer kommt jetzt ins Halbfinale? Deutschland oder Argentinien?“ Ich zucke die Schultern. Vielleicht sollte ich mir das Spiel angucken, um danach einmal mitreden zu können. Anselm Neft

Weltliga der Herren (Volleyball): Deutschland gegen Argentinien: Heute um 19.30 in der Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg, Am Falkplatz 1. Tickets für 12 Euro unter 030 / 44 30 44 30

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