Was machen wir heute? : Kinder ohne Comics sehen

Nicht alles was glänzt ist Gold- eine wahre Geschichte in Bildern über das versunkene Kreuzberg der 70er.

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Wie golden der Westen war, wussten eigentlich nur wir Ostler, damals, als es noch den Osten gab. Wenn ich vom Hochhaus an der Leipziger Straße hinüber in den Westen schaute, dann schimmerte da zwar nur das Springer-Hochhaus und rundherum herrschte Ödnis. Aber inmitten der Ödnis stand ein Kiosk, und ich wusste, dass es an diesem Kiosk West-Comics gab. Eine Welt mit West-Comics musste eine unermesslich reiche sein.

Zu jener Zeit, in der ich sehnsüchtig vom Osten auf den WestKiosk schaute, lief Ludwig Nikolai Menkhoff ein paar hundert Meter entfernt durch diesen Westen. Der Goldglanz interessierte ihn offenbar überhaupt nicht. In den 70er und frühen 80er Jahren machte er Fotos von Kreuzberg, die, selbst wenn er sie auf Farbfilm aufgenommen hätte, vor allem grau gewesen wären. Eine zerfledderte Gegend, kahl, ruinenzerfurcht, bewohnt von Menschen, die kein bisschen nach West-Verwandtschaft aussehen: Punks, Türken, Säufer, Kinder ohne Comics. Was, wenn wir im Osten diese Bilder damals gesehen hätten? Wir wären uns sicher gewesen: Die hat die DDR-Fernsehredaktion „Alltag im Westen“ ausgesucht, die sich als eine Art Sonnenbrille fürs Ostvolk verstand: ein Blendschutz gegen den Goldglanz. Völlig wirkungslos selbstverständlich.

In der sehr empfehlenswerten Ausstellung mit Menkhoff-Bildern hängt auch eins, auf dem man die Mauer sieht, dahinter der Fernsehturm und zwischen Fernsehturm und Mauer jenes Haus an der Leipziger Straße, von dem herab ich in den Westen sah. Leider hat Menkhoff fotografiert, als ich gerade nicht da oben stand.

Ich nehme ihm das überhaupt nicht übel, denn ich weiß: Er konnte nicht so lange warten, weil, da wo er war, es den Kiosk gab, an dem er sich sämtliche West-Comics kaufen konnte. David Ensikat

„Atlantis SO 36. Fotografien einer versunkenen Welt von Ludwig Nikolai Menkhoff (1923–2008)“ Kreuzberg Museum, Adalbertstr. 95a, Mi.–So. 12–18 Uhr, Eintritt frei. www.kreuzbergmuseum.de

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