Was machen wir heute? : Kitsch bescheren

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann - die Weihnachtszeit genießen.

Lothar Heinke

In diesen Tagen denkt man ja manchmal, dass die fröhliche, selige Weihnachtszeit vom Einzelhandelsverband, von Schaustellern, Marktbudenbesitzern und Erlebniskaufhäusern erfunden wurde. Und natürlich von einer Regierung, die egalweg von Wachstumsbeschleunigung spricht und jede Art von Konjunkturbremserei verdammt in alle Ewigkeit: Lauf, lauf, lauf, Kunde – und kauf. Kauft, was das Zeug hält, egal, ob ihr das gebrauchen könnt. Wie? Du hast schon einen Fernseher? Der Trend geht zum Flachbildschirm. Ihr Auto ist schon drei Jahre alt? Nur ein guter Konsument ist ein guter Bürger. Überlegen Sie mal, ob man nicht den lieben Kleinen, den Steuerzahler von morgen, mit einem Kleinwagen auf den Weg ins Konsumwunderland schicken sollte. Und weshalb, lieber Mitrentner, leerst du nicht endlich deinen Kleiderschrank, um ihn gründlichst zu erneuern? Frau Merkel macht’s uns vor und kommt jeden Tag in einem anderen Blazer. Beispielhaft. Ja, es nahen kalte Zeiten: Hol dir Filzstiefel, Handschuh, einen Muff, Pelzkappe, Schal und Ohrenschützer. Oder eine Badehose für die Kanaren. Tu was für den Konsum. Und sei das Objekt, mit dem du andere erschrecken wirst, noch so doof.

Da ist noch Spielraum. Am Alex-Carree liegt ein Adventskalender für Tiere: Hinter jedem Türchen ein Happen Hundekuchen. Es gibt auch Zahnbürsten, die, wenn man sie in den Kindermund schiebt, lustige Melodien abspielen. Dann gibt es so einen in Holz gebrannten Spruch: „Der späte Wurm verarscht den frühen Vogel“. Die Fantasie des Weihnachtsmanns kennt keine Grenzen. Unsere Wahrzeichen, Fernsehturm und Reichstag, beschert er als Kerzen mit Docht, sie „sorgen für warmes Licht und bringen Hauptstadtstimmung ins Wohnzimmer“, wie die Werbelyrik sagt. Und dann noch diese „Schneekugeln Berliner Art“, so krass wie cool: Das Ampelmännchen überquert in der Kugel, umringt von Minitrabis, einen Zebrastreifen. Dann schneit es, der Verkehrsonkel steht im Flockenwirbel. Und sinniert womöglich über Kitsch, Kaufrausch und kalten Kaffee.

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