Kultur : Was machen wir heute?: Klassiker wieder entdecken

Britta Wauer

Frau Hartmann habe ich als zierliche Person in Erinnerung. Sie gab Zeichnen und Nadelarbeit an meiner Schule, letzteres nur für Mädchen. Manchmal erzählte sie auch Geschichten, und vielleicht hätte diese eine auch einen pädagogischen Ansatz haben sollen; ich kann mich an die Pointe nicht mehr entsinnen. Auch möglich, dass Frau Hartmann gar nicht mehr bis zu ihr gekommen ist, weil sie plötzlich zu erschüttert war.

Ihre Geschichte spielte in einem Hinterhof, einem dieser berlintypischen: Vorderhaus, rechter Seitenflügel, zweiter Hinterhof. Nur haben wir uns damals nichts darunter vorstellen können. So etwas kannten wir nicht. Unsere Schule stand mitten in der sozialistischen Hauptstadt, an der Karl-Marx-Allee, direkt hinterm Kino International. Die Kinder, die dorthin gingen, lebten in Plattenbauten mit Keramikfliesen - freistehende Riegel, versetzt hintereinander. Kein Karree aus Blöcken und erst recht kein Hinterhof. In Prenzlauer Berg, dieser verlotterten Gegend mit Kopfsteinpflaster, waren wir freiwillig nie gewesen. Dass es Hinterhöfe auch in Mitte geben sollte, war uns neu. Frau Hartmann war fassungslos über ihre Berliner Gören, die nicht mal die Gegend in zwei Kilometer Entfernung kannten. Es war das erste Mal, dass wir von den Hackeschen Höfen hörten.

Zu unserer Entschuldigung muss ich sagen, dass Mitte der 80er weder Sonntagsspaziergänge noch Wandertage diese Gegend streiften. Inzwischen ist wohl auch der letzte Niederbayer schon mal am Hackeschen Markt gewesen. Natürlich erst nach dessen kompletter Renovierung.

Um so mehr war ich überrascht, als mir ein Münchner erzählte, dass er gerade mit einem Landsmann im "Café Cinema" verabredet war. Dieses kleine schrummelige Lokal, kurz "CC" genannt, ist eigentlich nur etwas für Sentimentale von hier. Es stammt aus der kurzen Zeitspanne, in der die Ostberliner den Hackeschen Markt für sich entdeckten, er aber Touristen noch nicht vorzeigbar war. Die Cafés, die damals eröffneten, sahen aus wie Wohnzimmer von Bürgerrechtlern, vollgestellt mit ausrangierten Omastühlen und eng gehängten Bildern an der Wand. Zu Beginn der 90er war das "CC" das einzige Lokal am Platz.

Wenn man jetzt daran vorbei geht, ist man ganz verwundert, dass es inmitten der weiträumigen Hallen und kühlen Lounges, in denen heute Kaffee getrunken wird, noch immer als gut gefüllter Laden läuft. Dabei ist das rotgerahmte Schaufenster, vollgestellt mit Nippes, alles andere als einladend. Mit einem kleinen Zettel neben der Tür wird erst einmal vor Taschendieben gewarnt, die - um ehrlich zu sein - durch die enge Sitzordnung regelrecht verführt werden.

Nein, das Café Cinema ist nicht der Ort, mit dem man Weitgereiste beeindrucken mag. Aber wer weiß. Vielleicht lebt es im Schatten seiner glänzenden Nachbarn viel länger als diese, und irgendwann ist der Geheimtipp ein Klassiker, der in jedem Reiseführer steht.

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