Was machen wir heute? : Klopfen

von

Mein Lieblingsrestaurant in Prenzlauer Berg ist teuer geworden. Es wurden ein paar Servietten und Kerzen auf die Holztische drapiert und schöne neue Weingläser angeschafft. Das Schnitzel kostet dafür nahezu das Doppelte. Na gut, dachte ich mir, koch’ ich eben selber. Kerzen und Servietten habe ich auch.

Mein Vater hat früher immer Riesenschnitzel gebraten. Es war selten, dass er mal am Herd stand, denn meine Eltern hatten sich von vornherein aufgeteilt: Meine Mutter, einst Köchin und Kellnerin im Erzgebirge, machte aus dem Gemüse, das mein Vater im Kleingarten anbaute und erntete, sowie dem Fleisch, das er einkaufte, die frischesten und herzhaftesten Gerichte. Mein Vater pflegte danach schnell den Tisch abzuräumen und sogleich in der Küche das Geschirr abzuwaschen. Ab und zu mal, an jenen besonderen Tagen, an denen meine Mutter wirklich gar keine Lust auf den Herd hatte, hat mein Vater Riesenschnitzel gebraten. Ich nehme mal an, dass es ganz gewöhnliches Fleisch war, das mein Vater auffallend lange und laut geklopft hat, aber meiner Schwester und mir kam es immer besonders lecker und groß vor, Riesenschnitzel eben. Es gab viel Lob für meinen Vater, besonders von meiner Mutter.

Ich bin inzwischen bei mir zu Hause freiwillig und unfreiwillig ein wenig in die Rolle meines Vaters geschlüpft. Obwohl ich gerne koche, kam ich bislang selten dazu. Das betrübte und beschämte mich oft, das leckere und günstige Lieblingsrestaurant an der nächsten Straßenecke tat sein Übriges. Mit dessen Gentrifizierung fällt jetzt meine beste Ausrede mir selbst gegenüber weg. Vorgestern habe ich schon mal in zwei Kochbüchern geblättert und gedacht: Vielleicht sollte ich mit Riesenschnitzeln anfangen.

Gestern nun gab es Schnitzel in der Tagesspiegel-Kantine. Die waren ganz lecker. Mit meinen kann ich also noch ein paar Tage warten. Robert Ide

Gute Schnitzel gibt es auch im „Schusterjungen“; Danziger Straße 9/ Ecke Lychener Straße

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben