Was machen wir heute? : Knattern

Jochen Schmidt

Wenn ich in den kommenden Sommernächten abends beim Arbeiten meine Balkontür offen lassen kann, werde ich wieder von Zeit zu Zeit das auffällige Knattern eines Motorrollers „Berlin“ hören, weil mein Pankower Freund Sergej durchs Viertel fährt, der aus jedem Jahrzehnt einen Ost- und einen Westroller besitzt. In den letzten Jahren sind die erstaunlichsten Moden an uns vorübergezogen: Die 17-jährige Babysitterin kommt in NVA-Trainingsjacke auf dem gleichen Mifa-Klapprad zu mir, wie ich es als Kind besessen habe. Es war auch mal in, sich eine „Schwalbe“ anzuschaffen. Dieses Gefährt, auf dem früher Bauern vom Acker zum Schweinestall fuhren, konnte nur in Berlin Kult werden!

Ich freue mich über solche Langzeitüberlebenden meiner Jugend. Vom Benzingeruch einer alten MZ sind mir sofort wieder die Vertreter der Dorfjugend präsent, die mit diesen Gefährten auf dem Hügel über der Badestelle erschienen, um wie Indianerhäuptlinge zu prüfen, ob die Fremden aus der Stadt länger lagern wollten, bevor sie wieder davonknatterten. Und im Neubaugebiet umstand man Nachmittage lang die MZ eines großen Bruders von irgendwem. Manchmal drehte er mit einer Glücklichen eine Runde um den Block. Auch die 200 Meter bis zur Schule legte er auf dem Motorrad zurück.

Aber ich hatte meiner Mutter versprochen, nie Motorrad zu fahren, um kein Bein zu verlieren, was so unvermeidlich schien, wie vom Rauchen über ein paar Zwischenschritte ins Gefängnis zu kommen. Wem Abkürzungen wie ETS, TS, ETZ, IWL, BK, AWO etwas sagen, den wird das 1. Berliner DDR-Motorradmuseum interessieren, wo schon 80 Motorräder, Gespanne, Roller und Mopeds aus 40 Jahren DDR Zweiradproduktion restauriert wurden und zur Besichtigung bereitstehen. Solche musealen Bemühungen fanden früher am Wochenende an jeder Straßenecke statt. Ich muss nur lang genug leben, dann wird mein Fahrrad von einem Museum repariert. Jochen Schmidt

1. Berliner DDR-Motorradmuseum. Rochstraße 14 in Berlin-Mitte, Mo-So 10-21 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar