Was machen wir heute? : Kontrazyklisch rauchen

David Ensikat

Es war der Sommer ’79, wir saßen hoch oben in einem Baum im Vogtland, da brachte mir mein großer Bruder das Rauchen bei. Nach den Ferien sollte ich in eine neue Schule kommen, fünfte Klasse, ich hatte sowieso eine Riesenangst vor der Umschulung, und mein großer Bruder im Baum sagte: „Ohne dassde Lunge kannst, musste dich da gar nicht blicken lassen. Eine Fünfte ohne Raucher gibt’s ja gar nicht.“ Er war schon mal in einer Fünften gewesen, er kannte sich aus.

Schön, dass ich das Rauchenlernen überlebt habe. Denn unter einem solchen Druck Rauchen zu lernen, auf einem Ast, vier Meter über der Erde, das ist gefährlich. Ich inhalierte Zug um Zug (mein Bruder: „Geht schon, aber besser sieht’s natürlich aus, wenn man den Qualm durch die Nase ausbläst“), mir war so schwindlig, wie einem Schwerbetrunkenen nicht schwindlig sein kann, ich hatte Mühe, mich auf dem Baum zu halten.

In der neuen Klasse gab es außer mir nur einen, der schon Lunge konnte, ein schüchterner Junge, mit dem niemand befreundet sein wollte. Ich musste meine neuen Kenntnisse also nicht anwenden und rauchte später auch nur, wenn sympathische Raucher sozialen Druck auf mich ausübten.

Gegen Ende des vergangenen Jahres geschah das immer häufiger, auf einmal rauchten die sympathischen Raucher doppelt so viel, weil sie ja vorsorgen mussten wegen des anstehenden Rauchverbotes. Ich solidarisierte mich mit diesen armen Menschen und erlernte so im Dezember 2007 die Kunst des Lungerauchens-ohne-Schwindelgefühl.

John Maynard Keynes hat die kontrazyklische Ausgabenpolitik erfunden: Trotz geringer Steuereinnahmen soll der Staat in Zeiten der Wirtschaftsflaute besonders viel Geld ausgeben. Ich bin der Keynes der Rauchkultur. Alle hören auf zu rauchen, weil man es nirgends mehr darf, ich fange an. Das mag dumm sein, aber als Argument gegen den Keynesianismus als solchen möchte ich es bitte nicht verstanden wissen. David Ensikat

Rauchen tötet, wie das Leben überhaupt, nur schneller. Lassen wir es sein.

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