Was machen wir heute? : Kopftuch-Diplomatie üben

Stephan Wiehler

Unsere türkische Tagesmutter trägt Kopftuch. Fatma ist eine gläubige Muslimin. Sie hat in ihrem Flur ein Bild der Kaaba von Mekka in einem silbernen Rahmen hängen, und mit den Gebetszeiten nimmt sie es so genau, dass sie beim EM-Spiel der Türkei gegen Tschechien sogar die beiden Tore in der 87. und 89. Minute verpasst hat, die der Türkei zum Sieg verhalfen. Ich schätze, das gilt für deutsche Verhältnisse schon als sehr fromm.

Wir sehen aber keinen Anlass, beim Verfassungsschutz Erkundigungen über Fatma einzuholen. Wir verlassen uns auf das kindlich untrügbare Urteilsvermögen unserer 16 Monate alten Tochter. Greta liebt Fatma sehr. Jeden Morgen fällt die Kleine ihr glücklich in die Arme und hat mich schon vergessen, noch ehe ich zur Tür heraus bin. Fatma ist Anfang fünfzig und so etwas wie eine Ersatzoma für Greta geworden. Aber vor allem ihr Kopftuch hat es unserer jüngsten Tochter angetan. Fatma trägt jeden Tag ein anderes, meistens in hellen Tönen, schlicht oder gemustert, auch dezent geblümte sind dabei.

Zuerst habe ich mich darüber gewundert, dass mich neuerdings besonders ältere kopftuchtragende Frauen freundlich auf der Straße anlächeln. Ich empfand das als ungewöhnlich. Bis mir auffiel, dass meine Tochter der Grund dafür ist. Wo immer sie eine ältere Dame mit Kopftuch entdeckt, lächelt ihr Greta fröhlich entgegen. Als ich Fatma davon berichte, wundert sie sich gar nicht. Sie erzählt mir von Mira, einem anderen Kind, das sie betreut. Im Urlaub in Ägypten sei Mira einer wildfremden Frau in die Arme gelaufen, weil sie die kopftuchtragende Frau mit Fatma verwechselt hätte. Das Kopftuch als Zeichen der Völkerverständigung – das scheint mir ein Aspekt, der in der Debatte bisher sträflich vernachlässigt wurde. Stephan Wiehler

Gelegenheit zum Dialog gibt es am morgigen Sonntag in der Neuköllner Hasenheide. Die vom Berliner Verfassungsschutz beobachtete Islamische Gemeinschaft Milli Görüs lädt dort zum Picknick und Familienfest, mit Fußball, Volleyball und „Hüpf-Moschee“, ab 11 Uhr, Eingang Karlsgarten-/Ecke Fontanestraße.

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