Was machen wir heute? : Krawatten binden

von

Ist das nun nur eine temporäre Verlotterung der Sitten, oder befindet sich das christliche Abendland schon in höchster Gefahr? Wo bleibt ein wichtiges Aushängeschild deutscher Leitkultur? Sind uns die bürgerlichen Werte abhanden gekommen? Ist das alles nur ein Anfang oder schon das Ende? Macht die Krawatte die Fliege?, fragt der Rentner besorgt, wenn er sich im Theater so umschaut und sein Blick auf nackte Herrenhälse trifft. Die haben längst die Hemdkragenknöpfe gesprengt, werden also nicht mehr durch Krawatten beengt. Der Knoten ist geplatzt, Mann zeigt Dekolleté, sogar im ARD-Presseclub lassen sie schon mal den Schlips zu Hause, und in den Talkshows flirten manche Herren mit den Brusthaaren, in grauer Vorzeit baumelte in dieser Region ein Binder. Es lebe die Lässigkeit.

Doch der Schein trügt! Krawatten sind in, wenn sie überhaupt jemals out waren – am Abend, im Büro, bei Festen, Galas, in der Oper, überall, wo Parfüm seinen Duft verströmt. Einer der jung-dynamischen Chefs des Berliner Traditionsbetriebes „Edsor Kronen“ erzählt von aufsteigenden Krawattenabsatztendenzen, während er neben einem Berg edler italienischer Seidentücher steht und die Kunden des Lafayette neugierig einer Krawattenproduzentin über die Schulter schauen, die auf der Nähmaschine aus einem Stück Stoff im Handumdrehen einen Wunsch-Schlips zaubert. Edsor ist von der Skalitzer Straße in das französische Kaufhaus an der Friedrichstraße gekommen. Hier zeigt die Firma nicht nur die Chronik ihrer 100-jährigen Geschichte, sondern auch, was Oscar Wilde meinte: dass eine gut gebundene Krawatte „der erste ernste Schritt im Leben“ sei. Die edlen Schlipse kosten 59 oder 89 Euro, und man kann sagen, man habe bei der Geburt des guten Stücks an der Wiege gestanden und gesehen, wie einfach und doch kompliziert so ein Stück Stoff gefertigt und schließlich getragen wird – längst auch zu Jeans und von Frauen a là Marlene. Zeitlos und schon mal dagewesen. Lothar Heinke

Noch heute und morgen in den Galeries Lafayette in der Friedrichstraße.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben