Kultur : Was machen wir heute?: Krawatten umbinden

Christine Lang

Wo ist eigentlich meine Faszination für Techno und artverwandte Musik geblieben? Ich bin im letzten Jahr zwar hauptsächlich zu elektronischer Musik ausgegangen, aber zu Hause kommen nur noch Gitarrenbands auf den Plattenteller, entweder die entstaubten Independents, oder aber die neuen, die für den musikalischen Umschwung verantwortlich sind: The White Stripes oder The Strokes. Und die haben ja nicht nur mich beeindruckt.

Tim zum Beispiel, den kenne ich noch aus den "Dogwash"-Clubnächten in der Turbine Anfang der 90er. Damals war er ein schmächtiger Junge mit hochgezogenen Schultern, der auf der Tanzfläche zu britischer Popmusik seinen Kopf hin und her schlenkerte und dazu seine Arme vor sich kreisen ließ. Tim war eine echter Wimp. Inzwischen ist er etwas dicker, trägt aber immer noch seinen Parka und den Sixties-Haarschnitt. Tim betrieb damals einen eigenen kleinen Versand mit Bootleg-Tapes, hatte die meisten Fanzines der Welt gelesen und kannte sich super mit Musik aus. Also fragte ich ihn, was eigentlich mit der damaligen Gitarrenpop-Szene passiert sei: Sie hat die musikalischen Wechsel der 90er überlebt, es gibt in Berlin tatsächlich eine "Independent-Musik"-Clubszene.

Am bekanntesten ist der Karrera Club im Bastard. Dann gibt es noch den Dolmenclub, der samstags und jetzt auch dienstags geöffnet ist und der regelmäßig um die 300 Leute anzieht. Natürlich existiert immer noch der bereits aus Ost-Zeiten stammende Sophienclub, und für die Leute "von früher" (also so um die 30) gibt es monatlich kleine, feine Partys im Zosch in der Tucholskystraße. Tim findet es etwas komisch, immer noch auf diese Gitarrenpop-Partys zu gehen, weil er dort inzwischen schon vier Clubgänger-Generationen erlebt hat. Der Gitarren-orientierten Musik ist er über die ganze Zeit treu geblieben. Sein Alter merkt er, wenn er Mädchen aus der aktuellen Szene kennen lernt. Die kennen von früher nur noch Namen wie Oasis oder Blur. Und wünschen sich beim DJ immer die Sachen, die sie kurz vorher bei VIVA 2 gesehen haben.

Da VIVA 2 inzwischen eingestellt wurde, weiß Tim gar nicht mehr, worüber er sich überhaupt noch mit dem "jungen Gemüse" unterhalten soll. Denn die interessierten sich doch gar nicht wirklich für Musik, sondern nur für ihr Aussehen, für ihre schwarzen Bob-Frisuren, ihre weißen Hemden mit Krawatte...

Die Krawatten sind bei allem, was sonst in dieser Szene wohl gleich geblieben sein mag, etwas ganz Neues. Das möchte ich mir jetzt gerne mal selber ansehen, deswegen habe ich mich gleich für heute mit Tim verabredet: im Kreuzberger Privatclub. Am meisten freue ich mich aber darauf, meine neuen Lieblingsbands endlich auch mal im Club zu hören.

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