Was machen wir heute? : Krieg und Frieden schauen

Jochen Schmidt

Silvester war in meinem Leben eine Serie von Pleiten, und wem geht das nicht so? Zu allem Unglück habe ich keine Freude mehr daran, Knaller in Briefkästen zu werfen, jetzt, wo ich alt genug bin, mir selber welche zu kaufen. So ist das im Leben, die Wünsche erfüllen sich meistens zu spät. Dieses Jahr freue ich mich aber auf die Zeit des Jahreswechsels, weil ich zu Hause bleibe und mich einem epischen Genuss widme: der sowjetischen Verfilmung von Tolstois „Krieg und Frieden“. Meine Mutter hat sie mit meiner Oma im Kino „Kosmos“ gesehen, als ich noch nicht geboren war, und schwärmt immer noch. Der angeblich teuerste Film aller Zeiten, mit Schlachtszenen, bei denen die Soldaten noch nicht durch Digitaltechnik vervielfältigt wurden.

Die Verschmelzung von Fernsehen und Internet hat bei mir schon stattgefunden. Ich schaffe zehn Minuten Film pro Stunde, weil ich so viel nachgoogeln muss. Wer war Fürst Bagration? Durch Bagrationowsk bin ich doch schon mal gefahren? Das hieß vor 1945 Preußisch-Eylau; hat Stalin es umbenannt? Von dem steht ein Denkmal in Insterburg? Da muss ich meine Mutter fragen, die von dort stammt. Und warum wirkt der österreichische General Mack so geknickt? Weil Napoleon ihn in der Schlacht von Elchingen geschlagen hat. Das liegt bei Ulm? Zar Alexander I.? Heißt nach dem nicht der Alexanderplatz? Sergej Bondartschuk, der Regisseur, als Nächstes hat er „Waterloo“ verfilmt? Leider gibt es auf der DVD nur die deutsche Fassung, aber die kann man mit heutigen nicht vergleichen, so großartig klingen diese Stimmen, Angelica Domröse, Monica Lennartz, Alfred Müller, die halbe Defa. Der Film hat einen Oscar bekommen, wie oft ist den Russen das denn noch gelungen? Finde ich irgendwo eine Liste? Aber eigentlich will ich weitergucken, ich habe erst eine Stunde geschafft, der Brand von Moskau und die Schlacht von Borodino warten noch. Und nächstes Jahr lese ich dann das Buch. Jochen Schmidt

DVD „Krieg und Frieden“, UdSSR 1965, 492 Minuten, Regie: Sergej Bondartschuk, 39,99 Euro. Bei www.icestorm.de

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