Kultur : Was machen wir heute?: Künstlich aufregen

Lorenz Maroldt

Am vergangenen Freitagabend erreichten mich aus verschiedenen Kneipen und Bars aufgeregte Anrufe von Freunden und Bekannten sowie bekannten Barkeepern. Sie alle hielten die druckfrische Tagesspiegel-Ausgabe vom Sonnabend in den Händen, überreicht von den netten Tagesspiegelhandverkäufern. Alle meinten, einen Fehler entdeckt zu haben, gleich auf der ersten Seite, ganz oben in der roten Ankündigungszeile. "Flimm über Rehhagel" stand da, und was die aufgeregten Anrufer irritierte, war nicht etwa die seltsam anmutende Kombination von Theater und Fußball, sondern die Schreibweise von Rehhagel. Ein "h" zu viel!, war die einhellige Meinung, die gestützt wurde durch vermeintlich fachkundige Expertisen zufällig anwesender, vermeintlicher Experten einer überregionalen, vermeintlich fehlerfreien bayerischen Zeitung.

Tatsächlich sah "Rehhagel" auf den ersten Blick etwas ungewohnt aus, was allerdings leicht erkennbar weniger am doppelten "h" lag, sondern an der in dieser Zeile üblichen Buchstabengroßschreibung. "REHHAGEL" - schon komisch, so gesehen, oder?

Wer auch nur ein bisschen was von Fußball versteht, lässt sich davon nicht beeindrucken. Andere befragen eine Suchmaschine im Internet, wie etwa eine vom allgemeinen Barzweifel angenagte Freundin, die zu ihren Gunsten hier nicht genannt wird. Ha!, rief sie am nächsten Tag mit trotzigem Ernst, Ha!, nur mit einem "h"! Der Beweis: Soundsoviele Treffer bei der Eingabe des Namens "Rehagel" mit einem "h" in eine x-beliebigen Onlinerecherchemühle. Ja, so entstehen Zeitungsenten.

Das Internet ist so ungefähr das unzuverlässigste Erkenntnisinstrument, wenn man es zu blond benutzt. Die Eingabe von "Rehhagel" mit doppel-h ist nämlich auch recht erfolgreich. Gleich nach einem Onlinekaufhaus gleichen Namens taucht der Trainer auf. Was nun? Wer hat Recht?

Wenn die künstliche Intelligenz versagt, benutze man die natürliche. Ein Anruf bei Otto zum Beispiel hilft weiter, der muss es wissen, und wenn der Otto gerade keine Zeit hat, weil er den Griechen die Kunst der Oberschenkelblutgrätsche beibringen muss, hilft auch gerne die freundliche Tagesspiegel-Sportredaktion weiter. Die kennen ihre Patienten.

Zur künstlichen Intelligenz noch dieses: Gerade läuft der neue Spielberg-Film "AI". Wem gar nichts mehr zu blöd ist, muss da unbedingt hin. Für alle anderen gilt: bloß genug Bier oder andere Ablenkungsmaterialien mitnehmen. Eine unfassbare Zumutung, über die man sich wunderschön aufregen kann. Und was Rehhagel betrifft: Wer ihn mal so richtig verunstalten will, nicht nur seinen Namen verhunzen, dem sei die unten genannte Homepage von Fans des 1. FC Köln empfohlen. Wir vergessen nicht: Trainer Rehhagel hat 1978 mit Borussia Dortmund absichtlich 12:0 gegen Mönchengladbach verloren, damit der FC nicht Meister wird. Hat aber nicht geklappt! Doch seitdem heißt Rehhagel in Köln Otto Torhagel - ganz einfach, mit einem "h"

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