Was machen wir heute? : Kunst anfassen

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

Stephan Wiehler

Zur Feier des Grundgesetzes wollte ich mit meiner zweieinhalbjährigen Tochter mal etwas Patriotisches unternehmen, aber es sollte kulturelles Niveau haben. „Greta, wollen wir uns Bilder anschauen?“, frage ich sie. „Nein“, ist die Antwort. Das darf man bei Greta getrost als Zustimmung werten.

Wir radeln zum Martin-Gropius-Bau, wo die Ausstellung „Sechzig Jahre – sechzig Werke“ zu sehen ist. Schon die Fahrt dorthin – einmal quer durch Kreuzberg – ist wie eine Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik: vom Soziotop der Romantik (Oranienstraße), vorbei am Walhalla des deutschen Konservatismus (Springer-Haus), immer am Mauerstreifen entlang bis zur Topografie des Terrors, der unabzahlbaren Hypothek der tausendjährigen Schande.

Klein-Greta, Gnade der späten Geburt, ahnt von alledem nichts. Aber kaum haben wir die Ausstellungsräume betreten, zeigt das Kind Intuition für die Zeichen der Zeit. Vor dem düsteren Nachkriegsmenschen Karl Hofers legt sie sich zu Boden, im nächsten Raum, den fünfziger Jahren, ist sie schon wieder obenauf und will von mir auf den Schultern getragen werden.

Und in den Sechzigern ist sie nicht mehr zu halten, das Museumspersonal wird auf uns aufmerksam, weil Greta ständig versucht, die Exponate anzufassen. Gerhard Richters Tiger macht besonderen Eindruck auf sie. „Der will Mogli fressen“, sagt Greta. Ob Richter das Dschungelbuch gelesen hat?

Ab den siebziger Jahren ermüdet Gretas Interesse, sie hat genug von bundesdeutscher Kunst. „War es schön?“, frage ich sie am Ausgang. „Nicht so schön“, sagt sie, „non si tocca“ – man darf nichts anfassen! Nächstes Mal gehen wir besser wieder in den Streichelzoo. Stephan Wiehler

„Sechzig Jahre – sechzig Werke. Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland“, noch bis 14. Juni im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, geöffnet täglich 10-20 Uhr.

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