Was machen wir heute? : Kunst und Kommerz entlarven

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

Das Urteil ist eindeutig. Vernichtend. „Das geht nur, wenn du zu einer Bad-Taste-Party gehst!“ Die Strumpfhose in Pop-Art-Optik findet keine Zustimmung bei Charlotte, meiner Stilberaterin. Gut, dass ich dieses Exemplar jetzt nicht für teuer Geld gekauft, sondern in der hintersten Ecke der Wäschekommode entdeckt habe. Dort muss es mindestens 15 Jahre gelegen haben – durchaus zu Recht, wenn es nach meiner Tochter geht. Anfang bis Mitte der neunziger Jahre waren bunt gemusterte Strumpfhosen genauso angesagt wie zurzeit. Damals habe ich mich großzügig damit eingedeckt. Ich hatte schließlich noch keine Tochter, mit der der familiäre Kleidungsetat geteilt werden musste. Da durfte es das eine oder andere Stück mehr sein. Als sie unzeitgemäß wurden, mochte ich mich nicht von ihnen trennen. Dabei gehöre ich sonst nicht zu den Sammlern in der Familie, die alles aufheben.

Gegen Pop-Art-Design an sich hat meine Tochter nichts einzuwenden. Als sie in einer ziemlich teuren Boutique ein – trotz deutlicher Reduzierung – immer noch ziemlich teures T-Shirt mit einem Warhol-Print von Elvis Presley entdeckt, muss sie es anprobieren. Das Top scheint wie für meine Tochter gemacht. Charlotte setzt den Welpenblick auf. Aber so leicht lasse ich mich nicht erweichen. Andererseits könnte ich dem Klamottenwunsch unter dem Aspekt bildungsbürgerlichen Kulturstrebens entgegenkommen. Charlotte soll erkennen, Kunst und Kommerz gehören zusammen. Wer wäre ein besseres Beispiel dafür als Andy Warhol.

Deswegen schlage ich vor: Neben einem finanziellen Anteil erwarte ich einen intellektuellen Beitrag. Sie informiert sich über Warhol, sein Leben, seine Kunst. Das findet meine Tochter akzeptabel, obwohl sie weiß, dass ich nachfrage. Bei diesem hohen Preis wird das T-Shirt bestimmt jahrelang in Ehren gehalten. Aber für eine Bad-Taste-Party ist es auch in 15 Jahren noch viel zu schön. Sigrid Kneist

Einem ganz besonderen Kleidungsstück, das allen Moden trotzt, widmet sich ein bissiger Comic-Band: Eva Schwingenheuer, Burka, Eichborn Verlag, 7,95 Euro.

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