Was machen wir heute? : Landgang haben

Verena Friederike Hasel

Ich befinde mich derzeit auf Landgang, so bezeichnet man laut Lexikon die „Anpassung von aquatischen Lebewesen an eine terrestrische Lebensweise“. Dieser heikle Prozess wurde durch einen Besuch in Venedig in Gang gesetzt, das Tolle an der Stadt ist ja, dass man als Tourist hinfährt und als Seemann zurückkehrt: der Boden schwankt selbst bei der Landung in Berlin-Tegel noch und man wünscht sich, geradewegs in der Regenrinne zurück nach Venedig zu segeln.

Für aquatische Lebewesen, wie wir sie geworden sind, ist das Wort „Insel“ natürlich ein Schlüsselreiz, denn wo eine Insel ist, da hat’s auch Wasser, und das gefällt uns prächtig. Umso mehr freut es uns, dass wir derzeit den Schlüssel zu einem kleinen Haus auf Valentinswerder haben. Valentinswerder ist ein 13 000-Quadratmeter-Flecken im Tegeler See, der Name klingt ein wenig nach Seelebaumeln auf Schloss Gripsholm, und das erste, was ich von der Insel hörte, war bittersüß. Eine Frau trennte sich von ihrem Freund und nahm Reißaus nach Valentinswerder in das kleine Haus, von dem wir nun den Schlüssel haben. Wenn ich Liebeskummer haben wollte, dann auch am besten hier: Die Insel, seit 1870 in Privatbesitz, hat eine eigene Postleitzahl, aber keinen einzigen Briefkasten, 150 Grundstücke gibt es hier und den Menschen mit der wohl wunderbarsten Berufsbezeichnung. Andreas Reuter ist der Inselwart von Valentinswerder. Wie wichtig er ist, merkt man daran, bei wie vielen Gelegenheiten die Freundin, die hier das Haus hat, sagt, das könne, habe oder wisse Andreas.

Sie ist nun in Südamerika und wir dürfen Valentinswerder hüten. Als wir das erste Mal übersetzten, entdeckte ich an der Anlegestelle ein Schild, dass jemand sein Boot vermisse. Auch das gefiel mir, zwar nicht der Bootsverlust als solcher, aber die Tatsache, dass hier Boote so gehandelt werden wie anderswo Autos oder Fahrräder. Mit einem Motorboot könnte man auf dem Wasser bis zum Reichstag fahren. Verena Friederike Hasel

Valentinswerder erreicht man mit einer Fähre von Tegelort oder Saatwinkel aus.

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