Was machen wir heute? : Lange schlafen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

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Wieder ist ein Schuljahr rum. Morgen gibt’s Zeugnisse. Charlotte hat nach zehn Jahren den ersten Schulabschluss geschafft. Damit sie jetzt das MSA-Zeugnis entgegennehmen kann, musste sie rund 2000 Mal früh aufstehen. Für eine Langschläferin – und deren Mutter – eine echte Herausforderung. Nach der ersten Woche musste ich seinerzeit verzweifelt feststellen, erst knapp 0,2 Prozent meiner Weckdienstpflichten während Charlottes gesamter Schulzeit erfüllt zu haben. Damals ging ich von 13 Jahren bis zum Abitur aus.

Doch der rot-rote Senat verkürzte wenig später die Zeit auf zwölf Jahre. Das war nicht die einzige Überraschung, die die Bildungspolitiker für uns bereithielten. Reformen und Reförmchen jagten einander – und uns. Leider hatten wir nie das Gefühl, davon profitieren zu können. Dass schon bald die Lernmittelbefreiung wegfiel und wir für Schulbücher zahlen mussten, war noch das Geringste. Grundschulen erhielten alle Ganztagsangebote – zu spät für Charlotte; sie war inzwischen auf dem Gymnasium. Allerdings fehlte dann das Geld für Sanierungen in den Oberschulen. Der Ethik-Unterricht wurde eingeführt. Schade nur, dass es keine ausgebildeten Lehrer gab und zunächst lediglich Wischi-Waschi unterrichtet wurde. Die Verbeamtung der Pädagogen fiel weg; immer wieder kehrten junge Kräfte Charlottes Schule den Rücken und verließen Berlin. In manchen Fächern wechselten die Lehrer so häufig, dass man sie kaum zählen konnte. Beinahe jährlich änderten sich die Regeln, wie lange Latein belegt werden muss. Was tat der Senat nicht alles, um grundständige Klassen möglichst unattraktiv zu gestalten. Inzwischen muss Latein sogar Abi-Prüfungsfach werden. Und der MSA? Der ist an den Gymnasien auch nicht gerade unumstritten.

Die Liste der Reformen und Reförmchen ließe sich noch fortsetzen. Aber ab Mittwoch sind Ferien. Da gelten andere Regeln. Frühaufstehen gehört nicht dazu. Sigrid Kneist

MSA-Absolventen können an diesem Samstag bei „Energy in the Park“ im Strandbad Wannsee feiern. Infos: www.energy.de/berlin

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