Kultur : Was machen wir heute?: Langsam gären lassen

Sigrid Kneist

In der kalten Jahreszeit entwickelt sich unsere Tochter zu einer kleinen Schnapsdrossel: Da wird locker was Hochprozentiges weggeschluckt. Sie kräuseln jetzt bestimmt die Stirn und fragen sich, was ich wohl für ein unverantwortliches Geschöpf bin, das seinem Kind schon im zartesten Alter Alkoholika einflößt. So ist das aber nicht. Ehrlich nicht. Ich habe ein reines Gewissen als Mutter. Der Alkoholkonsum geschieht nämlich auf Anraten unseres Kinderarztes, der muss das verantworten.

Wenn alles schnieft und hustet oder unter anderen Grippesymptomen leidet, wird auch Charlotte dann und wann von einem Infekt erwischt. Unser Kinderarzt schwört bei der Behandlung auf das eine oder andere homöopathische Mittelchen. Und die Mixturen, die das Kind so im Lauf der Jahre konsumiert hat, haben es in sich: Pneumodoron 1 36 Prozent Alkohol, Bryonia Spongia 35 Prozent und Erysidoron 1 40 Prozent. Das schärfste Wässerchen ist Pneumodoron 2: 64 Prozent! Da kommt selbst ein "Whisky cask strength" nicht mit.

Verabreicht wird die Dröhnung zwar nur in kleiner Dosis - jeweils 10 Tropfen, verdünnt mit Saft. Anders würde das kranke Hascherl das Zeug sowieso nicht runter kriegen. Alle zwei Stunden verabreicht kommt selbst in Mini-Portionen bei so einem zarten Körper doch ein ordentlicher Alkoholpegel zusammen. Befürchte ich zumindest als besorgte Mutter. Doch Felix, der Kinderarzt, lässt Bedenken nicht gelten. Er schaut mir nur tief in die Augen und sagt: "Du, wenn dein Kind einen halben Liter Orangensaft trinkt, erreicht es die gleiche Alkoholkonzentration." Wegen der Gärprozesse, die bei der Verdauung einsetzen oder so, erklärt er, als ich ihn ungläubig anschaue. Sollte ich also jemals irgendwann Schwierigkeiten bei einer Alkoholkontrolle bekommen, dann schiebe ich das alles auf Unmengen O-Saft.

Geholfen haben die Tropfen bisher allerdings immer. Besser ist es jedoch, Erkältungen so weit wie möglich ganz zu vermeiden. Wenn wir ausgekühlt von draußen nach Hause kommen, wärmen wir uns gut auf. Am besten auch von innen - mit einem schönen heißen Getränk, an dessen Glas man sich die Finger wärmen kann. Einem Punsch. Der gehört an einem Wintertag dazu. Jetzt denken Sie wahrscheinlich wieder ... Falsch, völlig falsch! Was bei uns in die Gläser kommt, ist unbedenklich. Ohne ärztliche Aufsicht würde ich meinem Kind nie Alkoholisches einflößen.

Echt wertgesicherten Holunderpunsch trinken wir, der ist so lecker und duftet so gut. Oder Schlehenpunsch, laut Flaschenetikett "abgerundet mit Bittermandelaroma". Auch nicht schlecht. Nur kurz auf dem Herd erwärmen, und schon dampft er tief dunkelrot vor sich hin. Wer will da noch den richtigen alkoholhaltigen Punsch, ich jedenfalls nicht. Zumal ja vielleicht auch bei Schlehe und Holunder irgendwann die wundersamen Gärprozesse einsetzen.

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