Was machen wir heute? : Legenden erleben

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Sitzt er wieder da? Im China-Restaurant sehe ich ihn meist still auf seinem Stammplatz beim Mittagsgericht, das Gläschen Rotwein vor sich. Süße Gewohnheit: Ich bin froh, wenn ich den alten Herrn erlebe, ein leichtes Kopfnicken gilt uns als stiller Gruß. Vor paar Tagen ahnte ich nicht, wer da saß, bis ein Gast ins Lokal kam, der den alten Herrn kannte und ansprach. Aus Unterhaltungsfetzen konnte ich mir einen Reim machen. Hier sah ich einen Musiker, der Legenden wie Ella Fitzgerald und Louis Armstrong kennen gelernt hatte, der für Willy Brandt Wahlkampftourneen begleitete und der sich vor vielen Jahren überreden ließ, ein Buch über sein Leben zu schreiben. Ich hörte nur „Ghetto-Swinger“, aber der Groschen fiel nicht.

Nach dem Essen ließ es mir keine Ruhe, ich forschte im Internet und merkte, dass ich irgendwann nur die eigene Zeitung hätte lesen müssen. In der kleinen Buchhandlung am Bahnhof Krumme Lanke wusste die Händlerin sofort, um wen es ging. Ich kaufte mir gleich sein Werk, um es innerhalb kürzester Zeit gerührt und voller Ehrfurcht zu verschlingen.

Der alte Herr, Berliner des Jahrgangs 1924, ist Jazzmusiker, gilt als Musikerlegende, war einer der ersten, die in Deutschland zur E-Gitarre griffen. Er spielte bis in die vierziger Jahre in Berliner Nachtclubs, bis er von den Nazis als „Halbjude“ entdeckt und in Konzentrationslager gesteckt wurde und nur durch das Spiel in KZ-Kapellen sein Leben retten konnte. Ein Überlebender, ein Zeitzeuge. Beklemmende Schilderungen.

Nach dem Krieg blieb er in Deutschland, Berlin, West-Berlin, seine stets auch gefürchtete Heimat. Er machte Musik aller Art, seine Liebe aber galt stets dem Jazz.

Ich ziehe symbolisch den Hut. Sitzt er wieder an seinem gewohnten Platz? Heute nicht. Es ist Ruhetag. Christian van Lessen

Coco Schumann: „Der Ghetto-Swinger“, eine Jazzlegende erzählt, erschienen bei DTV. Das Buch erinnert auch und recht wehmütig an das einstige West-Berliner Nachtleben.

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