Kultur : Was machen wir heute?: Leise mitsingen Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

Pubertist auch nicht gestatten, aber als Nostalgiker und Melancholiker sind der Vater und der Freund vom Vater schon geduldet. "Wenn ihr euch dann jünger fühlt", hatte Paul gesagt. Und lautes Mitsingen verboten, "bitte keine Peinlichkeiten"!

Nun ist es ja hier meistens so, dass Paul darunter zu leiden hat, dass der Vater über die Macht des öffentlichen Schreibens verfügt. Aber heute Abend geht es zu den Toten Hosen, und weil der Vater und der Freund vom Vater dort freiwillig hingehen, auch noch mit großer Vorfreude und pubertärer Aufgeregtheit, ist es jetzt so, dass die gesetzteren Herren zu leiden haben. Und Paul feixt. Das geht schon mal los, dass die Punkrocker und der Vater und der Freund vom Vater auf tragische Weise dem gleichen Fußballklub aus der rheinischen Heimat anhängen - Paul, der das nicht tut, höhnt. Trost fänden Vater und Vaterfreund ja im Lied "Auswärtsspiel" und den schönen Textzeilen "...es geht um mehr als nur ein Spiel...wir scheißen auf den Sieg!" Sätze, die der Vater und der Kompagnon eigentlich voll inhaltlich unterschreiben. Aber zum einen hat Paul Mitsingen untersagt, und zum anderen - diese Wortwahl!!

Und schon steckt der Vater im nächsten Dilemma. Campino, der Sänger der Hosen, benutzt gerne mal Wörter, die im öffentlichen Schreiben eher nicht geschrieben werden und dort four-letter-words heißen. Nicht, dass Paul dann schockiert wäre, es ist ja hier inzwischen weitgehend bekannt, dass Paul jede Menge solcher Ar-Wörter und icker-Wörter kennt, und für deren Gebrauch stets vom Vater und der Mutter gescholten wird. Der Mann da vorne auf der Bühne, dem der Vater und der Freund vom Vater, und sicher auch Paul, zujubeln, ist nur unwesentlich jünger als der Vater - der Vater weiß noch nicht, wie er die Diskrepanz zwischen four-letter-word-Verbot und Jubel erklären soll. Ganz sicher wird der Pubertist die Aussage, dass das Leben voller Widersprüche steckt, demnächst gegen den Vater verwenden.

Und dann wird das Ende des Konzertes kommen, und die neue Hymne der Toten Hosen wird auch kommen. Und mit ihr die Textzeile "Vom Vatikan bis Taliban sieht man, dass es stimmt, dass die ganzen Abstinenzler noch immer die Schlimmsten sind!" und der finalen Bemerkung "Kein Alkohol ist auch keine Lösung". Sätze, die der Vater und der Freund vom Vater ebenfalls voll inhaltlich unterschreiben würden. Und wo bleibt dann, denkt der Vater, die Pädagogik? Immerhin, Paul hat da ein wenig Großzügigkeit gezeigt und dem Vater und dem Freund vom Vater schon mal gestattet, dass sie während des Konzerts auch ein Bier trinken dürfen. "Wenn ihr euch dann jünger fühlt", hatte Paul gesagt. Wahrscheinlich wird es doch ein schönes, nostalgisches, melancholisches, generationenübergreifendes Konzert.

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