Kultur : Was machen wir heute?: Leuten beim Berühmtwerden zugucken

David Ensikat

Wie wird ein Mensch, der was mitzuteilen hat, ganz schnell ganz berühmt? Zunächst müsste er seine Botschaft kurz fassen. Dann müsste er sie reimen, vertonen und singen. Außerdem müsste er schön sein und bereit, bei der ersten sich ihm bietenden Gelegenheit intimen Anschluss an den Jetset zu bekommen. Ein Techtelmechtel mit Uschi Glas, eine Turtelei mit Stefan Effenberg, das würde weiterhelfen. Besser als Uschi Glas wäre natürlich Steffi Graf, während Daniel Deubelbeiss kaum weiter hülfe als Stefan Effenberg. Aber zunächst muss man sicherlich nehmen, was sich bietet.

Dumm, wenn der Mensch, der berühmt werden möchte, kontaktscheu ist, noch dümmer, wenn die Leute ihn nicht gerne anschauen, wenn er nicht für die Titelseiten taugt. Ganz, ganz dumm ist es, wenn er sich schämt zu singen. Sagen wir es, wie es ist: Literaten haben schlechte Karten. Literaten bringen es ja nicht mal übers Herz, bei Big Brother oder Wer wird Millionär mitzumachen. Literaten sind nur selten schön, meistens ein wenig ungelenk, und - das ist das Schlimmste - Literaten wollen mehr sagen, als in einem Drei-Minuten-Lied mit viermal demselben Refrain unterzubringen ist.

Ich habe einmal den Versuch erlebt, einen Literaten berühmt zu machen. Immerhin, er war unter 40 sah nicht extrem grau aus, und die Brille, die er trug, ließ eine gewisse modische Anstrengung erahnen. Und er hatte einen Literaturagenten. Gute Literaturagenten bemühen sich nicht nur um hohe Honorare, sie versuchen auch, ihre Schützlinge berühmt zu machen. So veranstaltete der Literaturagent in seinen dielenknarzenden Räumen am Lietzensee eine Lesung, ließ vorneweg noch einen besonders jungen "FAZ"-Redakteur ein paar preisende Worte sagen und sorgte für Happen, Weiß- und Rotwein. Damit alle ihn sehen, musste der Literat beim Literaturvortrag stehen. (Während der einleitenden Worte des besonders jungen "FAZ"-Redakteurs hatte der Literat in einem tiefen Sofa gesessen. Darin konnte er unmöglich sitzen bleiben, da die Gäste mit den Weingläsern und den Happen ja standen. Um eines Tages in einer solchen Situation mal sitzen bleiben zu können, müsste der Literat erst berühmt werden, jetzt also aufstehen, damit ihn alle sehen.)

Eigentlich zitterte er nur ein kleines bisschen. Das kleine bisschen sah man aber sehr deutlich, da er - stehend - sein Buch in der Hand halten musste und nirgends eine Stütze fand. Es war bestimmt sein erster Literaturvortrag im Stehen. Der Literat tat mir Leid, und ich dachte, dass der jetzt bestimmt nicht mehr weiter berühmt werden will.

Allsamstäglich trauen sich ganz unverzagt junge, blasse Literaten, die nicht den Eindruck erwecken, einen Literaturagenten zu haben, auf eine verqualmte kleine Bühne. Da lesen sie im Stehen, obwohl die Zuhörer sitzen. Sie machen das so selbstbewusst und zitterfrei, dass man meinen könnte, sie hielten sich schon für äußerst berühmt. Einige hätten das wirklich verdient. Aber, ach, sie können ja nicht singen.

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