Was machen wir heute? : Liebe

Wie ein Ost-Berlinerdie Stadt erleben kann

Robert IdeD

Neulich habe ich „Berlin, Ecke Schönhauser“ gesehen. Es ist ein Liebesfilm, zweifellos, aber auch ein Film zum Verlieben – in die Schönhauser Allee. Allzu viele Autos rauschten damals noch nicht unter dem U-Bahn-Viadukt hindurch. Menschen standen hier – sie stritten, lachten und küssten sich, bevor sie sich eilig verabschiedeten und auf die Straßenbahn aufsprangen. Und wenn ein Bengel (so hießen die Jungs wohl in den 50ern) mal eine Laterne einschmiss, kam sofort die Polizei. Tat dann aber doch nichts.

Polizei habe ich auf der Schönhauser Allee schon lange nicht mehr gesehen. Nur mal die Feuerwehr, als sie Eiszapfen abschlug – und gestern zwei Fahrzeuge der Stadtreinigung, die wohl Klaus Wowereit persönlich in meinen Kiez abkommandiert hatte, um den Rollsplitt auf den Fahrradweg zu schieben.

Vielleicht ist das mit der Polizei ein schlechtes Zeichen. Dafür, dass nichts mehr eine Aufregung wert ist auf der Schönhauser Allee, abgesehen vom alles niederrauschenden Autoverkehr. Der Zeitungskiosk, der das U-Bahn- Viadukt Tag und Nacht mit Reggae- Rhythmen beschallt hatte, musste bereits dem Straßenausbau weichen. Und jetzt soll Konnopke’s Imbiss eingeschweißt werden. Wo also soll noch was los sein in Berlin, Ecke Schönhauser: im Designerklamottenladen? Im Trendmöbelgeschäft? Im Biofleischrestaurant?

Ich würde gerne mal wissen, wie ein Film über die Straße, die ich Tag und Nacht überquere, heute aussehen würde. Vielleicht wäre er schneller, vielleicht lauter, vielleicht würde sogar einmal die Polizei zu sehen sein. Und natürlich die Straßenbahn. Aber ob es wirklich ein Film zum Verlieben werden kann, bezweifle ich. Denn die Streitenden und Küssenden haben sich in die Nebenstraßen verzogen – da, wo manchmal noch eine Laterne eingeschmissen wird. Mit Rollsplitt.

Robert Ide

Ein neuer kleiner Film aus den Nebenstraßen heißt „Die Liebe und Viktor“ und ist zu sehen mittwochs bis samstags um 21.30 Uhr im Filmcafé in der Schliemannstraße 15.

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