Was machen wir heute? : Lieben lassen

Wie ein Neuberlinerdie Stadt erleben kann

Anselm NeftD

Berlin gilt als Stadt im Wandel. Ständig wird abgerissen, neugebaut, umstrukturiert. Nicht nur Häuser, Galerien und Denkmäler. Auch Freundschaften, Jobs und Beziehungen befinden sich in einem dynamischen Fluss. Eine kleine Auswahl aus meinem Umfeld (Namen und Berufe verändert): Eileen (25) ist Studentin (Biologie) und hat eine Beziehung mit Holger (44, IT-Branche, fest angestellt). Holger sagt, dass er sich nicht mehr verlieben könne. Als sie statt „Beziehung“ „Affäre“ sagen, geht es ihm besser. Sandra leidet. Sie beginnt ein neues Studium (Germanistik). Holger macht sich selbstständig. Sandra verliebt sich in einen Dozenten. Der ist allerdings schwul. Holger ist trotzdem traurig. Er macht sich Gedanken über die Zukunft.

Jana (33, Ärztin) lebt seit sieben Jahren mit Paul (33, Arzt) zusammen. Sie beschreibt das Verhältnis als „höflich“. Sie beginnt eine Affäre mit Stefan (45, Richter, verheiratet, Vater eines dreijährigen Sohnes). Als Stefan sagt, er würde alles für sie aufgeben, fühlt sie sich unwohl und fragt sich, ob man die Affäre nicht eher so locker-leicht laufen lassen kann.

Marek (35) ist unter anderem Kabarettist, Sänger, Fotograf und Vater einer sechsjährigen Tochter. Die Beziehung zu seiner Freundin Vera (38, Pädagogin) ist seit Jahren ohne Leidenschaft. Die Tochter schläft bei der Mutter im Bett. Der Vater in einem anderen Zimmer. Vera verliebt sich in ihren Therapeuten, beginnt dann aber eine Affäre mit Sören (39, Lehrer, verheiratet, keine Kinder). Auch Marek beginnt eine Affäre mit Eileen (25, Studentin). Plötzlich begehrt er auch Vera wieder. Der geht es genau so. Ihren Affären sagen sie nicht, dass sie wieder miteinander schlafen.

„Bis einer heult“, sagten meine Eltern, wenn wir Kinder es zu toll trieben. Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach formulierte es so: „Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.“ Anselm Neft

„Mehr Liebe: Heikle Geschichten“ Lesung mit Frank Schulz, Volksbühne (Roter Salon), Rosa-Luxemburg Platz, am heutigen Donnerstag ab 20 Uhr

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