Was machen wir heute? : Lieben lernen

Sonja Niemann

Der Sommer ist toll, und Berlin ist doch die freundlichste Stadt der Welt. Letzteres wurde mir wieder bewusst, als ich neulich mit der U 8 fuhr. Es ist quasi unmöglich, mit der U 8 zu fahren, ohne mindestens einem U-Bahn-Spinner zu begegnen. Diesmal handelte es sich um einen jungen Mann, der eine lange weiße Feinrippunterhose trug, dazu eine Art bauchfreies Girly-Top und einen Strickpulli auf dem Kopf. Er stieg am Hermannplatz ein, rannte im Waggon auf und ab, und schrie dabei immer wieder denselben Satz. Ich verstand nur die Wörter „Deutschland“ und „töten“. Die U 8-Fahrgäste reagierten wie immer: Sie lasen weiter die „B.Z.“, tranken Bier, und hörten sich über Kopfhörer Senecas gesammelte Werke als Hörbuch an, ohne hochzugucken. Doch dann plötzlich, Kotti. Ein ganzer Schwung von Menschen steigt ein. Der U-Bahn-Spinner läuft weiter auf und ab und brüllt. Er stößt mit einer Frau zusammen, die sich gerade setzen möchte. Ein kurzer Moment, ein Wimpernschlag nur. Doch plötzlich ist die Stimmung zum Zerreißen gespannt. Stille legt sich über den Waggon. Auch erfahrene U 8-Benutzer blicken aus den Augenwinkeln hoch. Der Mann blickt die Frau an. Eine Reißzwecke fällt in Zeitlupe auf den Boden, das „Pling“ hallt durch den Wagen. In Schöneberg jault ein Hund.

Der Mann blickt die Frau an, die Frau ihn. Er öffnet den Mund. Er sagt: „Entschuldigung“. Dann rennt er weiter brüllend durch den Waggon.

Was für ein schönes U 8-Erlebnis! Leider habe ich im Sommer davon nicht allzu viele, weil ich meist mit dem Fahrrad fahre. Ich brauche die U 8 nur, um von meiner Wohnung aus zum Liepnitzsee zu kommen.

Dort trank ich Sonntag eine Fassbrause, aß Pommes rot-weiß wurde von keiner einzigen Wespe gestochen und sah haufenweise Cellulite, die schlimmer war als meine. Alles in allem: ein perfekter Tag. Ich liebe Berlin. Sonja Niemann

Die U 8 ist immer eine Reise wert. Zum Liepnitzsee weiter mit der S 2 nach Karow, dann mit der Privatbahn bis Wandlitz.

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