Was machen wir heute? : Lob und Tadel missen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

David Ensikat

Auch ich verliere ungern Dinge, aber ich tue es oft. Besonders häufig und schnell verliere ich Kalender. Seit Jahren stelle ich mich dieser Angewohnheit: Ich schaffe keine Kalender mehr an. Da ich außer zum Dingeverlieren auch zum Terminevergessen neige und Termine dennoch für eine wichtige Sache halte, suche ich seit Jahren nach einem Terminerinnerungsding, das kein Kalender ist.

Das Handy! Moderne Handys besitzen „ausgereifte Kalenderfunktionen“, habe ich gelernt, mein altes Handy jedoch nicht. Daher habe ich mich beraten lassen und ein neues Gerät gekauft. Neben den ausgereiften Kalenderfunktionen beherrscht es GSM, A-GPS, UMTS, M3U, RDS, MIDP2.1, VOIP über SIP, AVRCP, es hat fünf Datenkabelmodi sowie einen E-Mail-Client namens IMAP IDLE. Ich schwöre, das alles hat und kann mein neues Handy, und ich werde jede einzelne Funktion nutzen, eines Tages.

Ein Freund hat gesagt, mein neues Handy sei hässlich, ein anderer fand es hübsch. „Es erinnert mich an eine Fischkonserve“, sagte der, der es mochte, gerührt. Mir ist das egal, was zählt, sind die inneren Werte, und davon hat es viele. Einer fehlt allerdings: Das Ding wird nie sauer, und es kann nicht loben. Das fiel mir auf, nachdem ich herausbekommen hatte, wie man sich von dem Handy den Weg weisen lässt. Jawohl, das kann es auch. „Noch 200 Metern, dann rechts abbiegen“, sagt es selbstbewusst und falsch. Wenn ich stattdessen nach links fahre, beschwert es sich nicht. Es sagt völlig unverzagt: „Route wird neu berechnet.“ Fahre ich nach rechts kommt aber auch kein Wort der Anerkennung, nichts.

Es heißt, der moderne Mensch entwickle eine libidinöse Beziehung zu den modernen Geräten. Ich wäre gern modern, ich würde gern mein Handy lieben. Aber es ist so kalt zu mir. Wenn ich es bald verliere, soll es sich nicht wundern.

Geräte, die Gefühle wenigstens vortäuschen, fahren im Foyer des Museums für Kommunikation umher, Leipziger Straße 16 in Mitte.

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