Kultur : Was machen wir heute?: Löcher erklären

Sigrid Kneist

So richtig beliebt sind sie ja derzeit nicht, die Berliner Bäderbetriebe. Nichts als Negativ-schlagzeilen produzieren sie. Erst sind sie von Legionellen geplagt, dann vom Sparzwang. Später öffnen und dafür früher schließen, so macht man sich keine Freunde. Dem allgemeinen Wehgeschrei will ich mich an dieser Stelle aber nicht anschließen, eher im Gegenteil. Obwohl man mir noch vor ein paar Jahren nicht ein positives Wort über öffentliche Badeanstalten hätte entlocken können: kalte Hallen mit eben solchem Wasser, olle Umkleiden mit fußpilzverseuchten Böden, verhaarte Duschen und lärmende, spritzende, kreischende Gören zuhauf, die nichts dabei finden, einem auf den Kopf zu springen. Die Bäder brauchte ich gar nicht zu sehen, ich wusste auch so, was mich da erwartet.

Als Mutter aber darf man Bäder nun mal nicht ignorieren. Welche schöne Überraschung dann, als wir uns das erste Mal ins Stadtbad Schöneberg begaben. Allein schon das Entree mit Blick durchs Panoramafenster auf strampelnde Schwimmerbeine. Beeindruckend. Zugegeben, Schöneberg ist eins der Vorzeigebäder, frisch saniert und mit allem möglichen Amusement ausgestattet. Für nur 13 Mark kann eine Mutter mit einem Kind drei Stunden lang sehr viel Spaß haben. Im Urlaub in Bayern zahlen wir glatt das Doppelte und kriegen auch nicht mehr geboten.

Ein Strömungskanal führt nach draußen; es gibt Kinderblubberbecken, Whirlpools, Baby-, Nichtschwimmer- und Schwimmerbecken. Super angenehm ist das heiße Solebecken, in dem man sich endlos ahlen kann. Ich weiß, ich weiß, man sollte nicht länger als eine Viertelstunde, wegen des Kreislaufs oder so - aber das ist richtig schön mollig, und die anderen sind auch immer viel länger drin. Ohnehin zieht mich mein Kind irgendwann zur Rutsche. Diese erfreut sich bei mir allerdings keiner großen Beliebtheit. Das hat seinen Grund: Leider ist die Rutsche ein echter Badeanzugkiller. Denn die Bahn ist nicht ganz eben und hat schon so manches Löchlein gerissen. Nicht nur bei einem Badeanzug.

Charlotte will wissen, warum nur bei mir der Stoff nicht hält und ihr Badeanzug ganz bleibt. Ich erkläre ihr das physikalische Prinzip der Reibung, die bei einem Fliegengewicht eben nicht so groß ist. "Aber", fragt sie mich, "warum bleibt Papas Hose dann immer heil, der ist doch schwerer als du?" Ja, warum eigentlich? Klar, weil das dann keine Frage der Physik ist. Also erläutere ich meiner Tochter das Gesetz vom Diktat der Mode. Dass Damenmode zwar schön aussehen kann, aber selten praktisch ist - das gilt nicht nur für Badebekleidung.

In diesem speziellen Fall sind Männerbadehosen ganz offensichtlich aus einem haltbareren Stoff, das macht sie rutschfest. Was kann ein Kind doch alles bei einem Schwimmbadbesuch lernen. So erhält ein Löchlein wenigstens einen pädagogischen Sinn.

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