Was machen wir heute? : Logieren

Ariane Bemmer

Neulich hatte auch ich mal Beziehungen und bekam eine Karte für die Deutsche Oper zu einem sehr günstigen Preis angeboten. Ich griff ohne Zögern zu, denn von Oper habe ich keine Ahnung, ein Missstand, den ich gerne beheben wollte. Im Grunde fiel mir zu Oper immer nur der Witz von Fritzchen und seinem Papa ein. Fritzchen: „Papa, wieso bedroht der Mann die Frau mit dem Stock?“ Papa: „Das ist der Dirigent.“ Fritzchen: „Wieso schreit die Frau dann so?“ Hach, ja, voll lustig.

Mein Platz war in der Loge A, ziemlich weit vorne. Ich nahm mir vor, es beim Applaudieren meinen Banknachbarn gleich zu tun, die wie Opernkartenabonnenten aussahen, doch das war wohl nichts. Gleich ins zweite Lied klatschten die mitten rein. „Wohl auch nicht richtig opernfest, wa?“, zischelte ich ihnen mitfühlend zu, aber sie reagierten nicht.

Auf der Bühne nahm die Liebe zwischen der Gestrauchelten, der „Traviata“, namens Violetta (Sopran) und Alfredo (Tenor) in drei Akten lautstark ihren unglücklichen Lauf. Bei Alfredo fragte ich mich, wie Dieter Bohlen den wohl fände. Würde er ihm sagen: Mensch, Alter, du knödelst. Oder würden ihm gleich die Ohren abfallen, weil so ein Opernsänger ja einige Dezibel zusammenbringt, wenn seine Stimmbänder erst mal in Wallungen geraten sind.

Zu meiner großen Freude erkannte ich während der Vorstellung einige Melodien wieder und wippte zu denen begeistert auf meinem Stuhl herum. Bis jene Nachbarn, die sich eben noch so lächerlich verklatscht hatten, mir in die Seite boxten und „sssccchhhhtt!“ machten. Es war im Übrigen so heiß in der Loge, dass schon leichtes Wippen auf der Stuhlkante zu regelrechten Schweißausbrüchen führte. „Bei drei Grad weniger könnte die Oper doch lässig auf einige Hunderttausend Euro Subventionen verzichten“, japste ich meinen Nachbarn zu, die wieder „sssccchhhhtt!“ machten. Den Rest der Zeit hoffte ich, dass meine Füße nicht explodieren würden. Jedenfalls bitte nicht mitten im Lied! Ariane Bemmer

„La Traviata“, heute noch mal in der Deutschen Oper, Charlottenburg

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