Was machen wir heute? : Loslassen

Stephan Wiehler

Unsere Tochter hat uns sitzen lassen. Dabei hatte Emma versprochen, nicht mit auf die Kita-Reise zu fahren. „Ich will immer bei Mama und Papa bleiben, so lange, wie ich lebe“, hatte sie gesagt. „Auch wenn ich groß bin. Wenn ich mal heirate und Mama werde, dann baue ich uns ein großes Haus, in dem wir alle zusammen leben“, hatte sie versprochen. „In solchen Plänen kann man Kinder nur bestärken“, riet ein Freund, der selbst schon ganz große Kinder hat, aber sich sein Haus trotzdem selbst bauen musste.

Aber Emma ist dann doch mitgefahren. Soll sie doch, dachten wir uns in elterlichem Trotz. Wird mal ganz schön sein, drei Tage ohne die vierjährige Nervensäge. Jetzt sitzen wir da, meine Frau und ich, allein mit Baby Greta. Niemand hüpft widerrechtlich auf dem Sofa herum, niemand klettert an mir hoch, wenn ich von der Arbeit komme, niemand weigert sich, zur vorgeschriebenen Zeit ins Bett zu gehen. Ganz still und unheimlich ist es bei uns zu Hause. Selbst Baby Greta ist noch ein bisschen stiller geworden ohne Emmas Gesellschaft.

Auch Eltern müssen lernen, sich abzunabeln. Ein Prozess, der von großen Gefühlen begleitet ist. Die Abreise hätten Sie sehen sollen! Vor der deutsch-italienischen Kita – meine Frau ist Sardin – spielten sich melodramatische Szenen ab. Zwanzig Kinder und ihre Eltern, allesamt mit Digitalkameras bewaffnet, gruppierten sich zwanzig Minuten lang fürs Fotoshooting um. Als alle möglichen Kombinationen durchgespielt waren, fuhr endlich der Bus vor. Ehe die Fahrt losgehen konnte, verging locker eine weitere Viertelstunde, in der sich Mütter, Väter und Kinder zwischen den Sitzreihen drängten, in den Armen lagen und herzten oder von draußen weiter fotografierten und Handküsse auf die Fensterscheiben drückten. Ich nutzte derweil das Gefühlsgemenge und legte mich unauffällig aufs Kopfsteinpflaster, um die technische Sicherheit des Reisebusses zu überprüfen. Ich wollte gerade mit einem Kugelschreiber den Unterboden auf mögliche Roststellen abklopfen, als ich bemerkte, dass mich der Busfahrer im Seitenspiegel erfasst hatte. Es war Zeit, Emma Adieu zu sagen. Stephan Wiehler

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