Was machen wir heute? : Lücken finden

Robert Ide

Sie sitzen um einen Tisch herum, vier Frauen mit zerbrechlichen Teeschalen in der Hand und einem feinen Lächeln im Gesicht. Mit der freien Hand setzen sie Spielsteine um, 144 kleine Ziegelquader, auf denen Drachen abgebildet sind, auch verschiedene Blumen und die vier Jahreszeiten. Das Spiel heißt Mah-Jongg, die Steine werden in kleinen Mauern aufgestellt, und schlussendlich geht es darum, Steinpaare mit gleichen Drachen und Jahreszeitenmustern zu finden. Aber bei den vier Frauen dreht sich alles um etwas anderes, um beiläufige Gespräche: Wer besitzt eine Ware, die ein anderer womöglich gut gebrauchen kann? Welche Geheimnisse verstecken sich in einem Nebensatz? Welchen Mann lohnt es sich zu verführen – für eine Nacht, für ein Leben, für einen Verrat?

Im Kino wird es still. Denn in dem Mah-Jongg-Film ist es so: Der Mann, um den es den Frauen wirklich geht, ist brutal – zumindest in seinem Berufsleben, das eng mit einem Krieg verknüpft ist, dessen Sinn man nicht genau versteht. Eines Abends setzt er sich zu den Frauen an den Spieltisch. Er sortiert seine Steine geschickt, hat gute Chancen zu gewinnen. Aber man sieht in seinen Augen, dass es ihm um etwas anderes geht. Womöglich um eine Nacht. Womöglich um mehr.

Vielleicht ist es im Leben wie im Kino: Es geht darum, Lücken zu suchen, Lücken zu finden. Der Film spielt in Asien, in einem Krieg, dessen Sinn man nicht genau verstehen muss, um zu begreifen, dass das Wichtige manchmal vom Beiläufigen entschieden wird. Von den Dingen, die man im Sinn hat, während man eigentlich etwas anderes tut.

Eine Freundin von mir hat zuletzt in Asien Urlaub gemacht, sie ist durch China gereist und hat mir etwas mitgebracht: einen kleinen Koffer mit 144 Ziegelquadern, auf denen Drachen zu sehen sind und die vier Jahreszeiten. Mah-Jongg – das Spiel, in dem es darum geht, Lücken zu finden. Was sie mir wohl damit sagen will? Robert Ide

In jeder Hinsicht großartig: Der Film „Gefahr und Begierde“ von Ang Lee.

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