Kultur : Was machen wir heute?: Luise bestaunen

Rainer Hank

Preußen ist die Herausforderung für den Neu-Berliner. Zumal dann, wenn er im Süden Deutschlands in der alten Bundesrepublik groß geworden ist. Nichts ist dem Süddeutschen fremder als Preußen. In Oberschwaben, dort, wo wir die Schulferien bei den Großeltern verbracht haben, irgendwo zwischen Ravensburg und Saulgau, endete die Welt im späten 18. Jahrhundert. Zumindest kunsthistorisch ging es katholisch, sinnlich, barockig, vorrevolutionär zu. Und im Geschichtsunterricht hat mich Preußen immer gelangweilt, schon allein deshalb, weil die Könige alle gleich heißen, und man nie weiß, welcher Friedrich welcher Wilhelm ist. Dass die Stein-Hardenbergschen Reformen ein liberaler Lichtblick einer eher autoritären Staatstradition sein sollen, habe ich gelesen, wüsste aber - unverzeihliche Ignoranz - leider nicht zu sagen, was die Herren Stein und Hardenberg Reformerisches geleistet haben.

Dabei hatte ich schon im letzten Jahr dieses Gefühl, Berlin ohne Preußen sei wie Anschauung ohne Begriff, also blind. Der Versuch, Wolf Jobst Siedlers "Abschied von Preußen" zu lesen, war wohl nicht der richtige Einstieg. Da jetzt aber Preußenjahr ist, fühlte ich mich zum zweiten Versuch verpflichtet (zumal die Pflicht ohnehin etwas typisch Preußisches zu sein scheint). Es traf sich, dass die Friedrichswerdersche Kirche kürzlich eine musikalische Soiree veranstaltete, mit viel Schubert und Winterreise, aber eben auch mit der Raumerfahrung dieses wunderbaren Kirchenbaus von Schinkel. Doch es war nicht Schinkel, der es mir besonders angetan hatte, sondern zwei adlige Schwestern mit Namen Luise und Friederike, die der Bildhauer Johann Gottfried Schadow in der Kirche zurückgelassen hat.

Schadow, Sie wissen schon, das ist der mit der Quadriga. Die kam mir immer etwas monumental vor. Die beiden preußischen Prinzessinnen aber sind ganz und gar anmutig und voller Grazie, dabei aber auch ein wenig kokett, wenn man sieht, wie Luise (die ist später Königin geworden) stehend die Beine übereinanderschlägt.

Schadow berichtet in seinen Erinnerungen, er habe die Maße der beiden nach der Natur genommen, worum wir ihn, ehrlich gesagt, durchaus beneiden dürfen. In unserem Zusammenhang muss ich allerdings wieder akademisch werden und einen Aufsatz des Konstanzer Altphilologen Wolfgang Schuller über Antikenrezeption in Preußen zitieren. Dem haben die Schwestern nämlich auch gefallen, und er sagt, dass das Antike bei Schadow gerade nicht antiquarisch-thematisch, sondern lebendig-gegenwärtig gestaltet sei. Das ist schön gedeutet. In dem Sammelband über Preußische Stile gibt es auch noch ein paar andere schöne Texte. Nur die Stein-Hardenbergschen Reformen verstehe ich immer noch nicht. Aber das Preußenjahr dauert ja noch eine Weile.

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