Was machen wir heute? : Marx streicheln

Wie ein Ost-Berlinerdie Stadt erleben kann

David Ensikat

Es heißt, die Leute würden wieder Marx lesen. „Das Kapital“ sei ausverkauft (fing damit nicht die Krise an, dass auf einmal das Kapital ausverkauft war?) Ich habe noch keinen getroffen, der kürzlich Marx gelesen hat, aber das mag an meinem desillusionierten Umfeld liegen. Dafür habe ich kürzlich Marx getroffen. Er war sehr populär. Er saß gleich hinter Josephine Baker, einen Raum vor Adolf Hitler.

Josephine Baker stand auf einem Podest, Adolf Hitler hockte in einem Separée. An beide kam man nicht heran. Karl Marx dagegen, volksverbunden, saß auf einem Sessel zu ebener Erde, man durfte ihm auf die Schulter fassen, am Bart zupfen und an die Nase fassen. Junge Menschen fragten, wer das denn sei, ältere sagten: „Karl Marx! Stell dich da hin, ich mach ein Foto von euch zweien.“ Reife Damen schmiegten sich an ihn, strichen ihm zart über die Mähne.

Wirklich, Karl Marx erregte großes Aufsehen, weit mehr als Michael Jackson („Dem seine Nase sieht aber noch ganz okay aus. Total unecht!“) und Sigmund Freud („Papa, wer is’ das?“ – „So’n Psychiater. Das erkennst du an der Couch. Setz dich mal drauf, das wird’n witziges Bild“).

Beim Hitler gab es eine Tafel, auf der stand sinngemäß, dass der kein Guter war und man sich deshalb nicht mit ihm fotografieren soll. Deshalb guckten sich die Leute beim Hitler erst mal um, bevor sie sich mit ihm fotografierten.

Idi Amin und Pol Pot standen nicht zur Verfügung, dafür Tom Cruise und Oliver Kahn. Und dann war da noch ein freundlicher Herr, kein Prominenter, der war echt und gab Auskunft über das Konzept der Ausstellung. „Den Hitler haben wir hier als Besiegten dargestellt. Deshalb die zerzausten Haare. Die waschen wir ja alle paar Wochen, da könnten wir sie natürlich ordentlicher legen. Aber das geht in Berlin nicht. In London hat der Hitler einen ordentlichen Scheitel.“

Dafür haben sie in London keinen Marx. David Ensikat

Madame Tussauds, Unter den Linden 74, Eintritt: 18,50 Euro.

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