Was machen wir heute? : Mehr als sehen

Wie ein Neuberlinerdie Stadt erleben kann

Anselm NeftD

Das Einzige, was wir noch bewusst tun, ist sehen“, sagt der Freund und wirft mit einer fahrigen Handbewegung beinahe sein Bierglas um. Es ist drei Uhr morgens. Zeit für Grundsätzliches, für Gesellschaftskritik und Weltverbesserung.

„Nun ja“, sage ich.

„Das Visuelle ist der letzte verbliebene Sinnesreiz. Alles andere versumpft im Diffusen.“

„Hmm“, sage ich, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich meinen Freund richtig verstehe.

„In China kommen Tausende, um ein Pingpongspiel zu hören. Zu hören! Der Chinese kann am Zusammentreffen von Ball und Schläger und Platte Wucht, Schnitt und Flugkurve des Schlages heraushören.“

„Ach was?“ sage ich.

„Eine Kultur, die das Auditive noch nicht so eingebüßt hat, wie wir. Hier ist alles sehen, sehen, sehen. Myspace, Facebook, Studi VZ.“

„Aber da gibt es doch auch Songs und so.”

„Du hörst keine Stimmen, fühlst nicht die Haut der Menschen, riechst sie nicht.“

„Dafür reicht ja eine Fahrt mit der S-Bahn.“

„Ja sicher. Aber zum Beispiel die Kriterien für eine schöne Frau. Die sind doch nur noch optisch.“

Ich bestelle per Handzeichen noch zwei Getränke. Die Kellnerin ist hübsch, je nachdem, wie das Licht gerade fällt. Ihre Stimme habe ich nicht mehr vor Ohren.

„Alles was ich sagen will“, reißt mich mein Freund aus der kurzen Betrachtung, „ist, dass wir auch akustische, olfaktorische und haptische Reize so differenziert wahrnehmen sollten, wie die visuellen. Das fängt doch schon mit der Sprache an. Man muss differenzierende Ausdrücke haben, um differenziert wahrnehmen zu können.“ Das Wort „differenziert“ geht meinem Freund nicht mehr ganz leicht von der Zunge. Ich bewundere ihn dafür, dass er es überhaupt noch versucht. Bevor wir gehen, planen wir den Besuch eines Geräuscheladens in Neukölln. Die Kellnerin seufzt. Zwischen fis-Moll und ges mit einer leicht möwenhaften Note. Anselm Neft

Ohrenhoch, der Geräuschladen. Weichselstr. 49 in Neukölln. www.ohrenhoch.org

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