Was machen wir heute? : Meins tun

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Im Hausflur, auf dem Weg zum Briefkasten, begegnete ich einem bierbäuchigen Handwerker mit langen Haaren, in einem Alter, in dem man die Haare nicht mehr so lang tragen sollte. Ächzend wuchtete er ein großes Ding die Treppe hinauf, ein Flurfenster, denn die Ratschlüsse der Hausverwaltung sind unergründlich: Nicht die hässliche und marode Haustür ließ sie auswechseln, sondern die intakten Flurfenster.

Auf dem Weg nach oben, mit der Zeitung in der Hand, begegnete ich dem Handwerker wieder, der, als er mich sah, rief: „Wat, nur mit Zeitung und sonst nüscht unterwegs? Hättste och’n Fenster mit hochbringen können.“

Da hatte er ja recht. Der Mann war deutlich älter als ich, trug viel zu schwer, während ich am Schreibtisch saß und hin und wieder die Tastatur hin- und herschob. Ich lächelte unbeholfen, nickte ihm zu und dachte: Du tust deins und ich tu meins; ob sich der, der das so eingerichtet hat, etwas dabei gedacht hat – wer weiß, nun ist es einmal so, und was würdest du denn tun, wenn ich dich aufforderte, an meiner statt ein wenig Textarbeit zu verrichten?

Zurück am Schreibtisch dachte ich: Jetzt fällt dir nichts ein, du tust kaum mehr, als der Fenstermann täte, säße er an deiner Stelle, warum trägst du nicht mit ihm ein paar Fenster hoch? Dann dachte ich: Schreib das auf! Und vergaß den Fenstermann.

Inzwischen sind die neuen Fenster angebracht. Sie sind unglaublich hässlich sowie undurchsichtig. Die Rahmen sind aus Plastik, die Scheiben sehen aus, als liefe eine zähe Schleimmasse an ihnen herab. Ich denke, nur gut, dass ich nicht geholfen habe, diese Monstren hochzutragen, einerseits. Andererseits sind sie von einem Mann hochgetragen worden, der so etwas nicht mehr tun sollte. Schuld ist die Hausverwaltung, und die denkt, sie habe dem Haus, den Mietern und dem Fensterbauer Gutes widerfahren lassen. David Ensikat

Ein ausgesprochen schönes, helles Treppenhaus, ganz ohne Flurfenster gibt es im Stülerbau, Charlottenburg (Museum Berggruen, geöffnet Di.-So., 10 bis 18 Uhr).

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