Was machen wir heute? : Melancholisch werden

Wie ein Vater die Stadt erleben kann - einen Bildband über Väter und Söhne lesen.

Andreas Austilat

Rund zehn Jahre ist es her, da habe ich an dieser Stelle zum ersten mal über meinen Sohn geschrieben. Damals war er acht und wir haben zusammen eine Indianerausstellung im Ethnologischen Museum besucht. Anschließend wollte er unbedingt ein Messer haben.

Natürlich hat er ein Messer bekommen, ja, er hat sich damit in den Finger geschnitten. Außerdem waren wir zusammen zelten, zweimal dachte ich, ich muss sein Kaninchen beerdigen (es lebt immer noch) und ich weiß noch, wie wir beide im Zoo vor dem Bronze-Nilpferd standen und die kleine Gedenktafel lasen. „Knautschke“, steht da heute noch, „starb nach einer Auseinandersetzung mit seinem Sohn“. „Wie kann das denn sein“, hat der Junge gefragt, „Väter sind doch viel größer und stärker.“ Acht ist ein wunderbares Alter.

Jetzt ist er 18, wir sind ungefähr gleich groß, und im Zoo waren wir lange nicht mehr. Er macht jetzt sein Ding, und da bin ich oft nur noch Zuschauer. Aber das muss wohl so sein. Immerhin, ich hab ja die Erinnerungen. Womit wir schon beim Tipp sind, und der ist ganz unsommerlich melancholisch.

„Väter und Söhne“ heißt ein gerade erschienener Bildband. Der bietet neben einer Erzählung vom Quasi-Berliner Wladimir Kaminer (dessen Sohn übrigens gerade acht ist) hochkarätige Fotos von Leuten wie Robert Capa und Henri Cartier-Bresson. Allen gemeinsam ist ein Motiv: Vater und Sohn, immer in schwarz-weiß. Wir sehen den kleinen und den großen Hemingway, den kleinen und den großen Anthony Quinn, sehen Väter und Söhne miteinander spielen, toben, fiebern und miteinander traurig sein. „Es sind Momentaufnahmen“, schreibt Herausgeber Peter Graf im Nachwort, „die eigentlich keine Rückschlüsse auf den weiteren Verlauf des Miteinanders zulassen.“ Aber ein ganz besonderes Glück zeigen.

So geht es mir mit meinen Erinnerungen auch. Ich bin froh, dass ich sie habe. Und bis meine Tochter 18 ist, dauert ja noch ein paar Jahre.
Väter und Söhne – Liebesgeschichten in Bildern. Benteli Verlag, Bern. 25 Euro.

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