Was machen wir heute? : Melodien erleiden

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Anselm Neft

In Berlin kann man keine drei Schritte gehen, ohne angesungen zu werden. Sonntags auf den Flohmarkt am Mauerpark – schon am Eingang stehen zwei Buben mit Rassel und Gitarre und singen „Hey, Mrs. Robinson“ während von hinten wirre Trommelrhythmen schallen.

Ein Essen im türkischen Lokal am Landwehrkanal – ein Zeitungsverkäufer trällert eine Operettenversion von „Forever young“. In den U- und S-Bahnen ist ohnehin ständig Konzert. Selbst wenn keine Fideln, Gitarren, Mundharmonikas oder Akkordeons zum Einsatz kommen – aus den zahlreichen Walkmen und ihren modernen Ablegern schallt’s und dudelt’s, dass es eine Freude ist – zumindest für den oder die unter den Kopfhörern.

Was diese Allgegenwart der Melodien mit meinem Hirn macht, ist noch gar nicht raus, aber mir schwant nichts Gutes. Es vergeht keine Woche ohne lästige Ohrwürmer. Tatsächlich erstehen in Berlin längst totgeglaubte Hits aus den Gräbern meiner Synapsen auf, um Tag und Nacht auf das Fürchterlichste zu spuken. Das Beste aus den 80ern, 90ern und alle Hits von heute. Mal ist es nur eine einzige Refrainzeile („I’ve got the power“, „King of the Bongo“), mal sind es Werbejingles („Carglass repariert’s , Carglass tauscht’s aus“), mal politisch Unkorrektes („Zehn nackte Neger“), mal komplette Songs („Griechischer Wein“). Dieses Udo Jürgens- Lied wurde in der Dorfgaststätte meines Bruders als Rausschmeißer gespielt, wenn sich die Oldie-Night oder die 80er-Party dem Ende näherten. Und sicher wurde und wird es noch an vielen ähnlichen Orten zu ähnlichem Anlass gespielt, während sich rotgesichtige Männer mit Schnauzbart und kariertem Oberhemd schunkelnd in den Armen liegen oder Frauen mit blonder Dauerwelle mit ihrer Freundin aus den Sanitäranlagen stürmen, um laut mitzusingen. Warum ich das erzähle? Um eine der kunstvollsten Überleitungen zu schaffen, seit es Kolumnen gibt: Auch türkischer Wein hat es in sich. In besonders schöner Atmosphäre trinkt man ihn im „Pamukkale“, Wilmersdorfer Straße 18, Charlottenburg. Anselm Neft

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