Kultur : Was machen wir heute?: Missioniert werden

Markus Huber

Guten Gewissens kann ich mich nun also hier und heute hinstellen und in die Welt hinausschreiben: Ja! Hurra! Ich habe Freunde! Zugegeben, es wurde auch langsam Zeit - schließlich sitze ich seit mittlerweile einem Jahr hier rum und nöle mir mein grantiges Wiener-Herz über die langweilige Stadt aus dem Leib. Aber jetzt ist es passiert: Sie kommen. Sie kommen, mich zu holen, sie kommen, mich zu missionieren, mir die tollsten Stellen der Stadt zu zeigen, und die tollsten Stellen sind nach Ansicht meiner neuen Freunde fast immer irgendwelche Lacken (österr. für Pfützen, d. Red.). Merke: Jeder Berliner hat einen Lieblingssee, und er lässt sich nicht die Bohne davon abbringen, mir das seichte Gewässer vorzuführen. Ich hasse Seen, aber dazu später.

Neulich zum Beispiel, es war ein trüber Sonnabend, da rief eine Freundin an: Der Seddiner See! Ein toller Teich, meinte sie, irgendwo im Süden bei Michendorf, mit einem entzückenden Spazierweg drum herum, wir sollten unbedingt dorthin. Der Sonnabend war wirklich trübe, und mein Tagesspiegel verriet mir, dass es auch am Sonntag so sein würde. Meine Freundin erzählte was von "strahlend blauem Himmel" und davon, dass garantiert jeder Berliner morgen dort sein würde, wir also frühmorgens aufbrechen sollten, um einen guten Platz für unser Handtuch zu ergattern. Das kam mir irgendwie bekannt vor, und als ich abends sanft entschlummerte, träumte ich von Mallorca, vollen Sangria-Kübeln und kessen Britinnen.

Sonntagmorgen, und nein, der Tagesspiegel hatte sich nicht geirrt. Heftige Windböen begleiteten mich auf dem Weg zum Auto, als ich in Richtung Süden aufbrach, gehörte die Avus mir ganz allein.

Neun Uhr 30, Seddiner See, die Lacke war vor lauter Schilf nicht zu sehen, dafür erkannte ich die Freundin ganz gut, die allein auf der weiten Wiese rumstand. Vielleicht hätte ich vor diesem Ausflug einkalkulieren sollen, dass die Freundin in Hamburg geboren wurde und ihre Auffassung von einem "strahlend blauem Himmel" sich nicht so ganz mit meiner deckt.

Egal. Die nächste Freundin, der nächste See. Eine Dame aus dem Schwarzwald diesmal, das Ausflugsziel die Krumme Lanke irgendwo in Zehlendorf. Ein netter See, unbestritten, vor allem weil sich dort angeblich tagsüber die britischen Nichten der Zehlendorfer Witwen herumtreiben, ordentlich viel Bier trinken und selbstgerollte Zigaretten rauchen, die ziemlich süßlich riechen. Die Betonung liegt auf tagsüber, und meine Freundin aus dem Schwarzwald hat einen etwas eigenartigen Begriff von Zeit und Raum. Als wir aus der neuen Mitte in Richtung Zehlendorf aufbrachen, war es 20 Uhr 30. Als wir dort ankamen (die Dame ist kartentechnisch im Schwarzwald stecken geblieben) war es 21 Uhr 15. Die Sonne war längst gemeinsam mit den Britinnen nach Hause gegangen und hatte den Stechmücken die Lufthoheit über den See zurückgewonnen. Im übrigen lege ich Wert auf die Feststellung: Ja! Hurra! Ich habe Freunde!

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