Was machen wir heute? : Missverständnisse erklären

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Sigrid Kneist

Zwischen mir und meiner Tochter gibt es immer wieder Missverständnisse, die manchmal zu kleinen Verwerfungen führen. Als ich letztens über die Gründe nachdachte, erinnerte ich mich an die linguistische Relativitätshypothese. Mit dieser Theorie des amerikanischen Wissenschaftlers Benjamin Lee Whorf habe ich mich während meines Studiums beschäftigt. Sie bedeutet im Wesentlichen, dass wir unsere Wirklichkeit nur in Beziehung zur Sprache begreifen. Whorf begründete dies mit Beobachtungen, die er bei den Hopi-Indianern machte. Die haben beispielsweise kein Wort für Zeit, und deswegen haben sie ein anderes Zeitbewusstsein als die Menschen unserer Gesellschaft.

Meine 13-jährige Tochter muss eine Hopi sein, denn Zeitvorstellungen sind bei uns immer diskussionswürdig. Besonders morgens vor der Schule. Wörter wie „jetzt“, „sofort“ oder „auf der Stelle“ sind für mich deutlich definiert – ohne großen Interpretationsspielraum. Für Charlotte scheinen sie eher etwas so Ungenaues wie „irgendwann“ zu bedeuten. Auch beim Thema Ordnung ist alles relativ – ebenfalls eine Quelle für deutliche Differenzen. Dabei finde ich die Bedeutung sehr klar. Ordnung muss ab und zu sein. Wenn das Chaos zu sehr nervt, wird aufgeräumt. Wer als Mädchen keine Ordnung hält, und – Achtung – hier kommen wir zu dem größten Missverständnis zwischen meiner Tochter und mir, ist in meinen Augen auch schon einmal eine kleine Schlampe. So beleidigt war Charlotte noch nie; denn für sie bezeichnet eine Schlampe eindeutig eine Frau, die es mit allen möglichen Kerlen treibt.

Die Bedeutung des Wortes hat sich gewandelt; das sehe ich bei dem preisgekrönten Film „Die Klasse“ über eine Schule mit Problemkindern in Paris. Dort hat die Schlampen-Auseinandersetzung zwischen Lehrer und Schüler sogar dramatische Folgen. Charlotte und ich klären das Problem anders. Ich werde das böse Wort nie wieder sagen, und sie räumt immer sofort auf. Oder habe ich da etwas falsch verstanden? Sigrid Kneist

Der Film „Die Klasse“ läuft derzeit noch im Kino Passage in Neukölln.

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