Was machen wir heute? : Mit Berlinern Bahn fahren

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Beim richtigen Berliner spiele es keine Rolle, ob er ein geborener oder ein gewordener sei, hieß es früher. Anders als heutzutage war es selbstverständlich, die Mentalität der Stadt anzunehmen. Heute ist es so, dass die waschechten Berliner vor lauter Zugezogenen aus aller Welt glatt übersehen werden. Manchmal machen sie sich unverhofft bemerkbar, und das ist direkt ein Erlebnis.

Die Rentnerin fährt nicht alle Tage mit der BVG oder mit der S-Bahn. Folglich findet sie sich, wenn sie es ab und zu tut, beim Umsteigen nicht unbedingt zurecht. Neulich, auf dem S-Bahnhof Westkreuz, irritierten sie die Anzeigetafeln. „Ring S 41“, las sie, und „Ring S 42“, kein Zielbahnhof angegeben.

Sie stieg zwar, wie sich bald herausstellen sollte, in die richtige Bahn ein, fragte aber dann vorsichtshalber ihr unscheinbar wirkendes Gegenüber, ob der Zug über Westhafen fahre. Er nickte, sie dankte. Erledigt? Denkste, für ihn noch lange nicht. Er musterte sie skeptisch und holte zur Gegenfrage aus: „Tschuljung, wo woll’n Se’n überhaupt hin, junge Frau!?“ Sie müsse am Westhafen in die U-Bahn umsteigen, sagte sie. Wieder musterte er sie forschend: „Na und wie weiter?“ – „Bis Amrumer Straße.“ – „Wat woll’n Se denn da?!“, entfuhr es ihm. „Rudolf-Virchow-Klinikum.“ Er trocken: „Dacht’ ick mir! Is ja sonst nüscht los da, wa?“ Nun war er im Bilde und konnte den Erklärer geben, seine Neugier beruhte auf reiner Hilfsbereitschaft: „Nu passen Se mal uff, Westhafen steijen Se aus, denn jehn Se runter und gleich rechts is die U-Bahn. In zehn Minuten sind Se da.“

Sichtlich zufrieden mit seiner korrekten Auskunft lehnte er sich zurück und sinnierte laut ohne Punkt und Komma zuerst über die „dämliche S-Bahn, keen Verlass mehr, ick sare ja bloß noch Stress-Bahn“, dann über die Segnungen der U-Bahn: „Immer anderthalb Minuten von eener Station zur nächsten, kannste uff de Uhr kieken, ... nächste müssen Se raus.“ Als sie ausstieg, rief er ihr augenzwinkernd nach: „Nich verjessen, unten gleich rechts!“ Hinterher hat sie Tränen gelacht über diese arglos ungenierte urberlinische Art. Brigitte Grunert

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