Was machen wir heute? : Mit dem 100er fahren

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann - eine persönliche Touri-Tour mit 100er Bus geben.

Till Hein

Bei uns in Basel schlendern Touristen zu Fuß umher, besuchen den Barfi, das Schänzli und das Joggeli. In Berlin hingegen buchen viele eine Stadtrundfahrt. Wer sich aber auskennt in der Stadt, weiß: Die Bus-Linie 100 führt ebenfalls an fast allen Sehenswürdigkeiten vorbei, und das für nur zwei Euro zehn.

Schon schlossen die Türen, und der Chauffeur fuhr hart an. Wir konnten uns gerade noch irgendwo festklammern. „Was ist das da?“, fragte Z. und zeigte auf den Fernsehturm. „Die Berliner sagen Langer Lulatsch dazu“, erklärte ich. Wir fuhren weiter, es ging durch den Tiergarten. Z. wies auf ein bauchiges Gebäude. „Da wohnt der Bundespräsident“, erklärte ich. „Die Berliner nennen das Haus Schwangere Auster.“

Schweiß lief uns über die Stirn, die Heizung lief auf Hochtouren. Z. lebt in einer Kleinstadt, und ihr wurde bald flau im Magen. „Und was ist das da mit dem goldenen Engel drauf?“ Sie meinte die Siegessäule. „Da findet immer die Loveparade statt“, sagte ich. „Beziehungsweise inzwischen nicht mehr.“

Gegen wen Berlin denn gesiegt habe? Ich biss mir auf die Lippen. Der Engel auf der Säule werde im Volksmund Goldelse genannt, wechselte ich das Thema: Und zu DDR-Zeiten hießen Engel „geflügelte Jahresendfiguren“. Z. nickte schwach. Sie sah aus, als müsse sie sich gleich übergeben. Endlich Endstation! Am Bahnhof Zoo wankten wir aus dem Bus. Aber immerhin war sie lehrreich, unsere kleine Tour.

Abends beim Sport fragte ich die Kollegin, an welchen Triumph Berlins die Siegessäule erinnere. „Keine Ahnung“, sagte A., „Ich bin aus dem Osten.“ Das trifft sich gut, dachte ich. Ob sie zu Hause geflügelte Jahresendfiguren gehabt haben an Weihnachten? „Was soll denn das sein?“, fragte sie. Dann klärte A. mich noch auf, dass der Bundespräsident gar nicht in der Schwangeren Auster lebe. „Er wohnt im Schloss Bellevue.“

Und ich dachte immer, das Berliner Schloss soll erst gebaut werden, wo früher der Palast der Republik stand. Diese Stadt macht mich fertig. Wenn das nächste Mal Besuch kommt, buchen ich eine offizielle Bus-Tour! 

0 Kommentare

Neuester Kommentar